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Das Drama um eine
Auswanderung nach Argentinien
von Franz Josef Blümling

1. Das Neefer Bäbche

Barbara Bergen, liebevoll Bäbchen genannt, wurde 1856 in Neef geboren. In ihrem Elternhaus herrschte reges Leben. Dort befand sich die größte Wirtschaft von Neef. Sie lag in der Nachbarschaft der Matthiaskirche. Neben dem Gaststättenbetrieb, der auch Übernachtungen anbot, wurden zudem noch Weinberge bebaut und eine bescheidene Landwirtschaft mit Viehzucht betrieben.

Die wirtschaftliche Situation im Moselland war im Allgemeinen krisenhaft, und es gab kaum eine Perspektive. Viele Moselaner, oft waren es ganze Gruppen, wanderten in ferne Länder aus. Eine solche Auswanderungswelle berührte Neef nicht. Es lag daran, dass von 1872 bis 1896 die Bahn von Koblenz nach Metz gebaut wurde. Und die Neefer Trasse war eine einzige Großbaustelle. Tunnel, Brücke, Viadukte, sowie Über- und Unterführungen mussten errichtet werden. Jeder Bürger, der wollte und konnte, fand Arbeit. Auch Bauarbeiter aus fernen Gauen waren in Neef beschäftigt und benötigten Quartier mit Beköstigung. So hatte die Gaststätte der Eheleute Franz Thomas und Annamaria Bergen regen Zuspruch, und es gab keine finanziellen Nöte im Elternhaus vom Bäbchen.

Neef war zuvor ein kleines verschlafenes Winzerdorf, das nur über einen holprigen Feldweg nach Bullay hin die Verbindung zur Außenwelt hatte. Nicht umsonst lag für die Nachbargemeinden „Neef am Ende der Welt“, oder auch dort, „wo die Welt mit Brettern zugenagelt ist.“ Den Neefern störte eine solche Einschätzung nicht. Neef war ein Dörfchen für sich – war eine große Familie.

Bäbchen war 15 Jahre alt, als plötzlich ihre Mutter starb. Als einziges Kind war sie nunmehr für ihren Vater sowohl in der Gastwirtschaft als auch im Haushalt eine große und unverzichtbare Hilfe. Der alternde und kränkelnde Vater hätte gerne einen tüchtigen Schwiegersohn als Gastwirt in seiner Schänke gehabt. Bäbchen lehnte jedoch jeden Bewerber ab.

Barbara war hübsch, lustig und als spätere Alleinerbin des elterlichen Vermögens, was neben dem Haus auch viele Weinberge und Gartenland ausmachten, auch als reich zu betrachten. Ja, man sagte ihr nach, dass sie das reichste Mädchen im Ort wäre.

Doch dann kam ein studierter Bahnmeister in die Wirtschaft und mietete für einige Wochen ein Fremdenzimmer. Er inspizierte die laufenden Arbeiten an der Bahnstrecke in Neef. Er hieß Peter Blümling, war 29 Jahre alt und entstammte einer Familie aus Senheim – war aber schon lange in der Großstadt Elberfeld ansässig. Seine Art war streng und konkret. Zu ihm, diesem Weltmenschen, hatte Barbara von Anfang an eine Zuneigung. Vater sah dies voller Unwillen. „Warum willst du Beamtenfrau werden? Warum schlägst du die passenden Partien der tüchtigen, braven, fleißigen Männer aus Neef aus? Du wirst unglücklich werden, liebes Kind! Zu einer Heirat mit diesem Fremden bekommst du von mir nicht die Einwilligung!“ Schließlich musterte Pastor Rudich den Bahnmeister während eines Gespräches in seinem Pfarrhaus. Einen Tag später bat dann Hochwürden das Bäbchen zu sich und teilte ihr in aller Deutlichkeit mit, dass auch er den Bewerber ablehne, da er gar nicht zu ihrer natürlichen Frohnatur passe. Zudem müsse sie doch bei einer Heirat ihr vielgeliebtes Neef verlassen und in eine Großstadt ziehen. Außerdem solle sie auch auf den guten, alten und kränkelnden Vater Rücksicht nehmen.

Nach einem weiteren Jahr starb der Vater im Jahre 1881. Im April des folgenden Jahres heirateten Peter und Barbara. Der Einsegnungsspruch des Pfarrers lautete: „Es möge die Ehe ein Reich der Liebe und des Friedens werden und bewahrt bleiben vor zu schweren Schicksalsschlägen.“ Das „Neefer Bäbchen“ zog nun mit ihrem Peter nach Elberfeld.

 
 
erschienen in
Jahrbuch des Kreises Cochem-Zell, 2008
 
 
 
 
Barbara Bergen
 
 
Peter Blümling
   
2. Als Beamten-Familie in Elberfeld

Nicht nur deshalb, weil Barbara noch nie von Neef herausgekommen war, und sie plötzlich in einer völlig fremden Welt stand, begann nun ein Leidensweg, der nur durch einen unerschütterlich festen Glauben an Gott ertragen werden konnte. Ihr Mann arbeitete tagsüber im Büro. Sie war von der Menschheit isoliert, saß oft weinend und allein in ihrer Wohnung. Es gab kein Gespräch mit Freunden und Bekannten. Oft ging sie in die Kirche, stellte Kerzen auf und betete darum, dass sie doch wieder fröhlich und zufrieden werde. Sie fand in ihrem Seelenschmerz kaum Verständnis von ihrem strengen Mann. Immer mehr sehnte sie sich nach dem frohen und lustigen Treiben in der Neefer Gastwirtschaft und träumte nächtelang von ihrer geliebten Heimat. Einmal fuhr sie nach Neef. Alle wunderten sich, wie sie es in der Großstadt aushalten konnte, hatte sie doch bis zum 25. Lebensjahr noch nie den Ort verlassen. Der Besuch in Neef machte ihr das Herz noch schwerer.

Im März 1883 wurde dem Ehepaar dann ein gesundes und kräftiges Mädchen geschenkt, das auf den Namen Maria getauft wurde. Zur Tauffeier kamen Verwandte und Freunde von der Mosel, und es wurde herzlich und fröhlich gefeiert. Man tauschte alte Erinnerungen aus und berichtete über Neuigkeiten aus Neef. Als die Gäste wieder wegfuhren, ward Barbaras Herz noch schwerer. Übergroßes Heimweh überfiel sie.

Erst als in den Jahren 1885 und 1886 Rudolf und Werner auf die Welt kamen, fand sie sich als Mutter von drei Kindern in der Fremde besser zurecht. Die quirligen und gesunden Kinder ließen sie wieder froh werden. Ihr Mann hatte zwar die Ernsthaftigkeit nicht verloren, aber daran hatte sie sich gewöhnt. Andererseits hatte Peter eine Erfindung für die Bahn gemacht, die ihm patentiert wurde und bei seinem Arbeitgeber zu hohem Ansehen verholfen hatte. Barbara konnte also auch stolz sein auf einen tüchtigen Mann. Zudem ging Peter nun auch einmal im Monat mit ihr in ein Konzert, was beiden sehr gefiel.


Patentschrift

Mit diesem Zeugnis des Senheimer Bürgermeisters wurde Peter in den Dienst bei der Bahn aufgenommen
 
 
Das Schreiben des Kaiserlichen Patentamtes vom 25. Juli 1881
   
3. Bergwerksbesitzer in Elberfeld
und der finanzielle Ruin

Das Beamtengehalt reichte gut aus, um ein normales bürgerliches und abgesichertes Leben zu führen. Das war aber Peter zu wenig. Wie aus heiterem Himmel eröffnete er seiner Frau: „Man hat mir ein Angebot gemacht, was nicht zu verachten ist. Ich kann ein Bergwerk kaufen. Dort ist Metall gefunden worden. Für jemanden, der Unternehmungsgeist hat, kann dies eine Goldgrube werden. In einer Woche kann ich so viel herausschlagen, wie ich als Beamter in einem Vierteljahr verdiene! Mit dem Vermögen, was Du in die Ehe eingebracht hast, kann ich das Bergwerk bar bezahlen“. Barbara war geschockt. Sie hatte fest vor, von ihrer Mitgift ein Haus zu kaufen, um dort mit der Familie zu wohnen. Peter jedoch erkannte im Erwerb des Bergwerkes die Chance seines Lebens. Schließlich gab das Bäbchen nach.

Peters wahrer Grund zu diesem Unterfangen war es sicherlich gewesen, mindestens genau so erfolgreich zu werden, wie sein älterer Bruder Heinrich in Essen als Kaufmann schon lange war.

21jährig gründete der Klempnermeister Heinrich Blümling nach Wanderjahren im In- und Ausland 1877 in Essen an der Ruhr ein Installationsgeschäft mit Kupferschmiede und entwickelte voller Fleiß und Weitblick bald ein ansehnliches Unternehmen daraus. Von den kleinsten Anfängen ausgehend, werden größere Aufträge für die damaligen Gesellschaften der Bergisch-Märkischen und der Köln- Mindener Bahn, die Krupp-Werke, den Bergbau und Siedlungen in Essen, Bochum Köln und Frankfurt ausgeführt.

Gleichzeitig wird im Hause ein Einzelhandelsgeschäft mit Küchengeräten, sanitären Artikeln und Beleuchtung betrieben, das sich im Laufe der Jahre über drei Stockwerke ausdehnt. Durch das ständige Anwachsen des Betriebes wurde die Schaffung einer geräumigen Werkstatt mit Lager erforderlich. Die Firma Heinrich Blümling war in der damaligen Zeit ein bemerkenswerter Emporsteiger. Sein Geschäftshaus prägte den zentralen Vierhofer Platz in der Großstadt Essen.

Die Entwicklung des Unternehmens war zu Anfang tatsächlich recht positiv. Doch dann kam ein Rückschlag. Monatelang arbeitete man ohne Erfolg. Dazu kam, dass ein Mädchen, das zur Fabrik gehen wollte, durch eine zu früh losgegangene Sprengung so unglücklich zu Fall kam, dass ihm ein Bein amputiert wurde. Für alles musste Peter haften und dem Mädchen sogar eine lebenslange Unfallrente zusagen. Die Firma kam in Zahlungsschwierigkeiten. Das Bergwerk musste verkauft werden. Notgedrungen geschah dies zu einem besonders niedrigen Preis. Die Käufer waren clevere und gerissene Geschäftsleute. Sie investierten viel Geld in das Unternehmen, das schon bald blühend da stand. Umsonst bettelte der gedemütigte vormalige hohe Beamte bei den Geschäftsleuten um eine bescheidene finanzielle Unterstützung.

Peter hätte ohne Weiteres wieder in seinen Beruf zurückkehren können. Er tat es nicht, weil er sich wegen der erlittenen Niederlage schämte. Barbara hatte in Neef noch sechs Fuder Wein liegen. Man ließ sie kommen. Vielleicht war dies ein Grundstock, um ein Weingeschäft zu gründen. Doch das Schicksal wollte es einmal wieder anders! Als das erste Fass in den Keller gerollt wurde, kam es ans Rutschen und zertrümmerte an der Wand. Der ganze Inhalt ergoss sich in den Keller. Der Verkauf der restlichen fünf Fuder reichte gerade aus, um den erlittenen Schaden zu ersetzen.

Die Not wurde immer größer. Alles, was einen Wert besaß und man nicht unbedingt benötigte, wurde verkauft. Die Familie stand vor dem Nichts! Und Peter wollte weiterhin nicht mehr Bahnbeamter werden. Nun eröffnete er seiner Frau, dass er auswandern wolle und zwar nach Argentinien. „Dorthin wandern viele aus. Nicht wenige wurden dort schon bald reich. Warum nicht wir auch? Schließlich bin ich der spanischen Sprache mächtig, das muss sich doch als Vorteil auswirken!“ Abwarten wollte er noch, bis das vierte Kind geboren sei. Barbara war entsetzt. Peter duldete in seiner strengen Art keine Widerrede. Er zeigte sich, zumindest nach Außen hin, als einen starken und gefestigten Mann. Andererseits hat er jedoch in einem unbeobachteten Moment in seiner Wohnung herzzerreißend geweint. Er machte nun ganz alleine eine Wallfahrt nach Kevelaer und suchte für sein Unterfangen Gottes Beistand und die Fürbitte von der Gottesmutter. Ohne Risiko war das Vorhaben nicht! Das wusste er!

Hoffnung hatte nun ein Professor gemacht. Er war als Deutscher Techniker im argentinischen Staatsdienst tätig und unter anderem auch mit dem Aufbau der dortigen Bahn beauftragt. Vater hatte ihn allerdings recht flüchtig kennen gelernt. Jedoch hatte dieser Mann konkret zugesagt, Vater bei der Ankunft des Schiffes zu empfangen und ihm umgehend eine Stelle im Staatsdienst zu besorgen.

Das Geschäftshaus Viehofer Platz 1 in Essen
 
 
   
4. Mit einem Auswanderer-Schiff nach Buenos Aires

Lucia, das vierte Kind, war ein überaus hübsches, liebes Kind. Werner war drei Jahre, Rudolf vier Jahre und Maria 5 ½ Jahre alt. Nur noch 200 Mark blieben zur Bestreitung der Reisekosten und um im fremden Land eine Existenz anzufangen.

In Antwerpen konnte das bestimmte Schiff nicht bestiegen werden. Maria hatte Scharlach. Sie musste sechs Wochen im Krankenhaus verweilen. Zudem bekamen Rudolf und Werner Keuchhusten. Etwa zwei Monate wohnte man in einer sehr bescheidenen Unterkunft in äußerst ärmlichen Verhältnissen.

Endlich waren alle wohlauf und die Überfahrt nach Argentinien konnte am 2. Februar 1889 beginnen. Der Fahrpreis wurde durch die holländische Regierung bezahlt und war in 2 ½ Jahre zurückzuzahlen. Er betrug je Person 155 ½ Francs. Die Auswanderer bestanden hauptsächlich aus Landwirten und Handwerksleuten und waren Deutsche, Luxemburger, Franzosen, Wallonen und Flamen. Paketstücke wurden fast unbeschränkt angenommen. So waren viele voll bepackt mit Handwerkszeug, Hausgeräten, Wäsche und Sonstigem. Es handelte sich zumeist um ganze Familiencliquen.


Auswanderungsschiff

Ausschnitte aus dem Tagebuch des Peter Blümling:

2.2. Passagiere gehen an Bord des Dampfschiffes „Hannover“ von der Bremer Lloyd - viele Zuschauer - Abreise am Mittag um 1 ½ Uhr – unfreundliches Wetter – Wasser recht unruhig – nachts viele Seekranke – überall stöhnen – gurgeln – brechen – klagen und jammern – erkennen den französischen Hafen Dünkirchen – später den englischen Hafen Dover
3.2. Sturm – Böen schlagen oft über Deck – insbesondere Frauen und Kinder seekrank – überall schwankende Gestalten – klägliches Bild – viele alte Leute – weshalb für diese noch so ein lange Reise?
4.2. verlassen den Kanal – sind im Golf von Biscaya - See noch unruhiger – Kisten und Kasten fliegen umher – man kann kaum im Bett liegen – Seekrankheit ganz schlimm – heute kein Land und kein Schiff gesehen
5.2. im spanischen Hafen Coruna noch Passagiere aufgenommen – zudem mit 20 lebenden Schlachtochsen, Kohle, Wasser und mit sonstigem Proviant eingedeckt – spanische Händler an Deck - verkaufen Obst
6.2. Abfahrt aus Coruna – nach 6 Stunden legen wir in Villa Gratia an – ein herrliches Städtchen - spanische Auswanderer aufgenommen – Wein und Cognac werden angeboten zu 1 Franc jé Flasche – auch Obst zu kaufen – am gleichen Tag wieder Abfahrt
7.2. erreichen die Stadt Vigo an der portugiesisch/spanischen Grenze – wieder Aufnahme von Passagieren – nunmehr fast 1300 Personen an Bord – alle mussten mit ihren Lagerstätten zusammenrücken – Südländer erhielten zusätzliche Kost – war stark gewürzt – kostete mehr – die „Braungesichter“ waren sehr ungeniert – Vigo malerisch schön – sahen erstmals Weinberge – Abfahrt um 11 ½ Uhr – Schweinefische tauchen auf – viele Seemöwen begleiten uns – feuchtes und mildes Wetter – Festland verschwindet – allgemeine Gesundheit an Bord – es gab Heringe gegen die Seekrankheit zu essen – dazu Reissuppe und auch Erbsensuppe
8.2. windig mit Regen – Wasser ist knapp – auf Deck steht ein Kübel mit Trinkwasser – jeder bekommt 1/8 Ltr. – musste direkt getrunken werden – alle trinken aus einem Becher - an einem Strick befestigt – kein Wasser darf mitgenommen werden – auch nicht für kleine Kinder – ist lt. III. Steuermann nicht anders möglich – „bei Änderungswünschen bitte an den Herrgott wenden“ - Trinkwasserversorgung ist ein Problem - Weshalb so wenig Vorrat?
9.2. südliches Klima recht deutlich fühlbar – können ohne Decke schlafen – von nun an erhalten wir täglich mittags Rotwein
10.2. zu drei Mahlzeiten wird mit Schelle aufgerufen – Essen holt sich jeder selbst gegen Vorlage einer Blechmarke – oft großes Gedränge – vielen schmeckt das Essen nicht – Beschwerdebrief mit vielen Unterschriften ging an den Kapitän – für mich ist das Essen recht gut - appetitliche Suppen mit Fleisch – in der Nacht Madeira passiert – Leuchtturm sichtbar
11.2. kein Schiff gesehen – Insel Las Palmas in Sicht – Häuser gut erkennbar
12.2. in der Nacht Kind wallonischer Eltern gestorben und in das Meer versenkt – war bereits des zweite Kind, das auf der Reise starb – viele der neu hinzugekommenen Spanier seekrank – Rudolf etwas leidend – isst wenig - Gesundheitszustand ansonsten allgemein recht gut – am Mittag ein Schiff sichtbar – fährt nach Europa - es wird viel auf Reinlichkeit gehalten - laufend wird gekehrt und Sand gestreut – nachts wird geschrubbt
13.2. weder Schiff noch Insel gesehen – eine Anzahl der Kinder krank ohne einheitliche Ursache – Seekrankheit allgemein überstanden – Barbara den ganzen Tag im Bett – ist sehr schwach und ohne Appetit – Arzt gab ihr Rizinusöl – schwächte sie noch mehr ab – musste andauernd abführen – Luxemburger Musikanten spielen mit Harmonika, Horn und Trommeln – getanzt und gesungen wird kaum – dagegen viel Karten gespielt – die anständigsten scheinen die Deutschen zu sein – die Wallonen sind stets am hetzen – Spanier sind faul – gehen früh schlafen und stehen spät auf – tagsüber liegen sie ausgestreckt auf dem Deck- sind ansonsten die hübschesten Leute – namentlich die Frauen tragen schöne Kleider - haben gutes Aussehen und aufrechte Haltung – singen jedoch wenig – haben auch schlechte Stimmen – es wird zu ¾ französisch gesprochen
14.2. um 3 Uhr nachmittags Insel St. Vicennes (Sao Vincente - Kapverdische Insel) in Sicht – hat die Form eines schlafenden Riesen - kahle unfruchtbare Felsenwildnis – rußbraunes Aussehen - ankern dort und laden Kohle – Hauptkohlestation für Schiffe, die zwischen Europa und Südamerika fahren – Dampfer und Segelschiffe ankern – delikate Orangen gekauft – 20 Prachtexemplare kosten 1 Franc – Kokosnüsse das Stück 30 Centimes - Bevölkerung besteht aus kastanienbraunen Negern – viele Perlen- und Korallenfischer mit kleinen Nachen auf dem Wasser – tauchen bis auf den Grund unter Wasser – teils mit 4-spitzigen oder ähnlichen Gabeln ausgerüstet
15.2. Abfahrt von St. Vincennes
16.2. am Morgen um 7 Uhr ein nach Europa fahrendes Schiff und einen Schoner gesehen - Preise an Deck: 1 Pfund Seife 1Franc, 200 gr. Tabak 1 Fr., 1 Fl. Bier 1 Fr., 1 Dose Sardinen 1 Fr., 1 Fl. Rum 2,50 Fr., 1 Fl. Genever 2 Fr., 1 Fl. Pfefferminze 2,10 Fr., 1 Fl. Appollinaris 0,75 Fr., ½ Fl. Kaiserbrunnen 0,50 Fr.
17.2. Hitze sehr empfindlich – viele Kinder krank – ein 32jähriger Mann mittags vom Sonnenstich getroffen – erholte sich jedoch wieder – fast alle Passagiere schlafen nunmehr nachts auf dem Deck – man liegt auf Seilen, Fässern, Bänken, quer auf dem Fußboden und in Hängematten - Schiff ist überbesetzt – jede Ecke ist mit Betten eingerichtet - sogar dicht bei der Maschine – auch neben der Küche, wo der Küchendunst direkt auf die Betten zieht – im Zwischendeck fehlt die Ventilation - Geschäftemacherei mit armen Leuten! – ärztliche Pflege sehr mangelhaft – 18jähriger Arzt ist gleichzeitig Apotheker – besitzt drei Medizinen – damit werden alle Krankheiten behandelt – es gibt nur wenige kleine Zimmer für Kranke – ohne Ventilation - Eingangstür steht deshalb immer offen – Ansteckungsgefahr groß – Deck ist mit Schutzdächern überspannt – sieht heiter aus – man liegt, sitzt, steht, geht, kartet, tanzt, singt, schimpft, wäscht etc. – wie auf einem Jahrmarkt – verschiedene Hüte und Mützen - halbnackte Männer und Frauen - ganz nackte Kinder - halbkranke und sehr kranke – alle suchen schattige und luftige Plätze – auf Deck kaum ein Durchkommen
18.2. Schiffskoch, starker junger Mann, Vater von zwei Kindern, am Hitzschlag gestorben – für das Mittagessen noch gekocht – am Nachmittag tot – viel Aufregung gehabt – ein Wallone prügelte seine Frau – meine Bettnachbarn, zwei Spanier, verkloppten sich – ein Flame wollte Küchengehilfe erstechen – beschädigte ihn aber nur an der Hand – Schiffsglocke läutete zur Bestattung des Kochs – Leiche auf ein Brett gelegt, mit Tuch überspannt und beschwert - ins Wasser gelassen – gesamte Schiffsbesatzung folgte der Leiche, die schnell im Meer unterging
19.2. Äquator durchfahren - Hitze sehr groß – Trinkwasser warm und schlecht – viele haben Leibweh – Milch nur für Kleinkinder: je ¼ morgens und nachmittags – ältere Kinder erhalten Erwachsenenkost – chaotische Verhältnisse auf dem Deck – keinen Augenblick Ruhe – Kinder schreien um Wasser - Kranke klagen – Streit um bessere Plätze - hadert miteinander - schimpft über schlechte Einrichtung des Schiffes und über die Hitze – Unzufriedenheit wird immer größer – wenigen geht es allerdings gut und werden dick – wünschen, noch lange nicht an Land zu kommen, um noch viele Tage mühelos beköstigt zu werden
20.2. kleiner Flame zur Welt gekommen – Mutter und Kind wohlauf – von unseren Kindern geht es besonders Lucie schlecht – Maria hat viel Husten – alle Kinder haben Ausschlag - viele husten – Wäsche wird besonders bei den Mannspersonen wenig getragen – tragen meist nur einen Kittel oder eine Jacke auf bloßer Haut – die beste Wäsche haben die Deutschen und die Spanier – haben zumeist bunte, gute Kopfbedeckung und gute Schuhe – Oberkleider sind oft zerflickt – Frauen kommen durchaus reinlich – sehr bunt und schamhaft gekleidet – man sieht allerdings nie eine ohne verdeckte Brust, wenn sie ihre Kinder säugen
21.2. am Vormittag hat sich der Kajütensteward erschossen – wurde nachts bei dem Dienstmädchen einer Passagier-Herrschaft in der Kajüte angetroffen – als Strafe sollte er die Aborte reinigen – fühlte sich in seiner Ehre gekränkt – ein Mann vom Hitzschlag getroffen – erholte sich jedoch wieder – am Abend ein Schiff in Sicht, am Signallicht erkannt
22.2. Segelschiff und eine nach Europa fahrende Barke gesehen – Kinder erhalten nun zusätzlich Haferschleim – höchste Zeit! kleinere Kinder alle sehr abgemagert – Milch ist zu knapp - Küchenkost nehmen sie nicht an – heute sechs Kinder gestorben – zumeist an Ruhr – waren voll mit Ausschlag, der schwach eiterte – es folgte schnelles Abführen mit Blut vermischt, Entkräftung und dann schnelles Absterben – Hauptursache ist das schlechte Wasser, aber auch die Nachlässigkeit der Eltern – liegen oft neben ihren schwerkranken Kindern und trinken Wein – eine wirklich tiefe Stufe menschlichen Standpunktes!
23.2. heute Nacht kleiner Wallone geboren – Mutter und Kind sind gesund – morgens um 5 Uhr brasilianische Küste in Sicht – um 10 Uhr Dorf zu erkennen – um 11 Uhr Einfahrt in den Hafen Baia – 25 bis 30 Schiffe ankern – auch ein Hamburger Dampfer - wunderschöne Stadt – Häuser sind einstöckig, weiß, rot und grün angestrichen – viele Kirchen - überall Palmen - fast nur Neger zu sehen – ca. 1 ½ m große Schnabelfische und eine Menge fliegender Fische im Wasser – Wasser getankt - Streit an Deck zwischen Flamen und Luxemburgern – mehrere Leichtverletzte – fünf Mann ca. 1 ½ Stunden mit geschlossenen Händen auf der Brücke gefesselt – Luciechen magert sehr ab – 5 Uhr am späten Nachmittag Abfahrt von Baia
24.2. Lucie sehr leidend – verweigert jegliche Nahrung, auch die Hafergrütze – wende mich an den Kommissaren – konnte nicht helfen – wende mich an den Doktor – verschrieb eine Tasse Bouillon mit Ei – auch keine Aufnahme von Lucie – Kapitän schaltete sich ein – kann nicht helfen, da die Menschenmenge zu groß sei – „kann auf Einzelwünsche nicht eingehen“ – Menge der Nahrung sei genügend - Kapitän scheint unsauberen Charakters zu sein
25.2. verschiedene Schiffe in Sicht – auch eines von der Norddeutschen Lloyd – brasilianische Küste wieder gesehen – zwei Flamen-Frauen blutig gerauft – wurden arrestiert (verhaftet) und auf die Kommandobrücke geführt, jedoch bald wieder gehen gelassen – Flamenkind in der Nacht gestorben – Mutter hatte wenig Trauer und sagte, dass sie ja noch drei Kinder hätte – viel Unsauberkeit unter den Leuten – Köpfe voller Schmutz – Kinderwäsche wird in Essgeschirren gewaschen – nachts wird auf Deck der Auswurf unter sich gehen lassen – beim Kehren ekelhafter Gestank – wieder Beschwerden wegen schlechter Küche von Seiten der Wallonen an den Kapitän gerichtet - Franzosen sind ständig unzufrieden und verkaufen sozialistische Zeitschriften – starkes Wetterleuchten in der Nacht
26.2. zwei Schiffe gesehen – Lucie geht es etwas besser – Trinkwasser jetzt reichlich vorhanden – wird sogar zum Waschen gebraucht – ist auch notwendig, da Seewasser schlecht wäscht – jeden Morgen wird Wein verabreicht, der von vielen auf einmal getrunken und nicht vertragen wird – erzeugt viele Zänkereien
27.2. schäumende Wellen leuchten in der Nacht – glühen in Millionen leuchtender Funken – eine Folge des warmen Salzwassers – Himmel in der Nacht heller als zu Hause – Blitze sind kolossaler – Wolken massig und schwarz - hängen viel tiefer als in Europa
28.2. Wallonen und Luxemburger beschweren sich über die Nahrung – ich unterschreibe ein Attest wonach die Nahrung für Erwachsene gut ist – viele Seeschwalben– Festland naht!
1.3. massenweise Seeschwalben und Schiffe zu sehen – Seewasser nicht mehr so blau –– es wird Zeit, dass die Reise zu Ende geht – immer mehr Unruhen auf dem Schiff
2.3. Ankunft in Buenos Aires – sind in großer Besorgnis – Lucia stark abgemagert - musste sofort in ein Krankenhaus, wo sie schon bald starb – schon am Sterbetag beerdigt - wegen der großen Hitze dort so üblich


Das Tagebuch des Peter Blümling

Hier endet nun das Tagebuch des Pedro, wie Peter nun genannt wurde. Er fand für weitere Aufzeichnungen nicht mehr die Zeit und wohl auch nicht mehr die Muße. Das Ableben der kleinen Lucia hatte sein Herz gebrochen.

Hinzu kam auch noch die Enttäuschung, dass der Professor, der Vater eine Anstellung besorgen wollte, nicht angetroffen wurde. Wie sollte dies auch geschehen? Durch die Krankheiten der Kinder wurde ja die Abreise in Antwerpen von Woche zu Woche verschoben. Wäre die Ankunft in Argentinien planmäßig erfolgt, hätte man sich sicherlich getroffen. Das Schicksal wollte es anders!

Vor der Abfahrt
Copyright: Deutsches Auswandererhaus / Foto: Werner Huthmacher
 
 
Was wird die Zukunft bringen?
Foto aus "Auf dem Weg nach Amerika, Auswanderung im 17. und 18. Jahrhundert" mit Genehmigung des Autoren Rolf Böttcher
 
 
Großes Gedränge bei der Essensausgabe
Foto aus "Auf dem Weg nach Amerika, Auswanderung im 17. und 18. Jahrhundert" mit Genehmigung des Autoren Rolf Böttcher
 
 
Immer wieder fand eine Beerdigung nach den gegebenen Umständen statt
Foto aus "Auf dem Weg nach Amerika, Auswanderung im 17. und 18. Jahrhundert" mit Genehmigung des Autoren Rolf Böttcher
 
 
Auszug aus dem Bordbuch der "Hannover" - Recherche über das STADSARCHIEF Antwerpen von Manfred Zimmer
 
 
Das Schiff machte am 5. Februar auf der Hinfahrt Station in La Coruna. Hier ist die Festung zu sehen.
   
5. Aufenthalt in Buenos Aires

Das weitere Geschehen um die Auswanderung wurde von nun an von der Tochter Maria überliefert und zwar in der Zeit, als sie Nonne im Kloster der Armen Dienstmägde in Dernbach / Westerwald war. Eingeflossen sind auch Auswertungen und Schlüsse aus Dokumenten und vorliegenden Briefen von der Verwandtschaft in Neef und Senheim. Zudem wurden auch Geschehnisse eingebracht, die Neefer Bürger von ihren Altforderungen her noch wussten.

Nicht zuletzt konnten auch Einzelheiten aus Gesprächen, die der Autor der Saga mit Maria Blümling und seinem Vater Josef Blümling geführt hat, eingebracht werden.

Die bescheidenen finanziellen Mittel, die man zur Auswanderung zusammen gerafft hatte, waren so gut wie aufgebraucht. Bei einer Auskunftsstelle am Strand von Buenos Aires erfuhr Senor Pedro, wie man Vater nun nannte, dass man in einem so genannten Emigrantenhaus für einige Wochen unentgeltlich Wohnung und Beköstigung haben kann. Es war ein großes Gebäude – nicht sehr weit vom Atlantischen Ozean entfernt. So pilgerte die Familie mit Sack und Pack dort hin. Man fand alles in etwa so vor, wie man es auf dem Schiff in der 3. Klasse erlebt hatte, nur waren die Betten nicht übereinander, sondern standen in großen Sälen nebeneinander. Das Essen bestand aus Hülsenfrüchte-Suppen mit reichlich Fleisch. Morgens und abends gab es Kaffee mit Zwieback so viel man wollte. Die Aborte waren immer sauber geschrubbt. Jedoch gab es noch mehr Ratten und Mäuse als auf dem Schiff. Auch musste man dafür sorgen, dass Wanzen, Flöhe und Läuse einen möglichst verschonten, was nicht leicht zu erreichen war. Allerhand Volk war zusammengepfercht – am Boden sitzend oder liegend. Vielerlei Sprachen waren herauszuhören. Sehr lange dauerte der Aufenthalt in diesem Hause nicht.

Mutter schrieb in dieser Not einen eiligen Brief zu Vaters Verwandtschaft in Senheim. Sie bat flehentlich um finanzielle Unterstützung. Die Antwort wurde recht schnell in einem Brief gegeben, der am 7. Nov. 1889 in Senhals abgestempelt war. Er war als "Poste restante" (postlagernd) auf dem Hauptpostamt in Buenos-Aires hinterlegt und beinhaltete in kurzen und klaren Worten, dass eine finanzielle Hilfe überhaupt nicht in Frage kommt.

Vater fand außerhalb der Stadt Buenos Aires eine Wohnung für einstweilen, bis er, wie er hoffte, etwas Geeigneteres gefunden habe. Das Haus lag in einer sehr gepflegten Wohngegend und hatte einen großen Hof mit einem Ziehbrunnen. Rundum waren sechs große Zimmer, die von älteren spanischen Familien bewohnt waren. In eines dieser Zimmer zogen wir ein. Schöne Straßen, an denen gepflegte Villen standen, führten auf die Hauptstadt Santa Fee zu.

Nach einigen Wochen kam der kleine Leo zur Welt. Er wurde von Redemtoristenpatern getauft. In dem Kloster der Patres wohnten viele Deutsche. Alle hatten viel Mitleid mit unserer Familie. Sie machten uns Mut und gaben den Rat, auf Gott zu vertrauen.

Jeden Tag ging Vater auf die Suche nach einem geeigneten Wirkungskreis, doch immer kam der arme Mann ohne Resultat zurück. Mutter hatte viel Mühe, bei ihm den Mut hochzuhalten. Handwerker, Bauern, Gastwirte und Fuhrunternehmer wurden gesucht, jedoch keine deutschen Bahnbeamten.

Die Situation wurde immer schwieriger, zumal plötzlich Bürgerkrieg ausbrach. Was nun? Die Geldmittel gingen zu Ende.

In Buenos Aires gab es offenbar keine Verdienstmöglichkeit für Vater. Er sah eine solche eher im benachbarten Staat Brasilien und reiste dort hin. Er blieb lange weg. Für den Säugling konnte Mutter noch jeden Tag einen halben Liter Milch und für die größeren Kinder Brot bezahlen. Nur selten gab es etwas Warmes zu essen. Als Mutter in einem Koffer noch von der Weihnachtsfeier in Elberfeld stammende Nüsse fand, wurden diese unter uns allen gleichmäßig verteilt und mit Andacht verzehrt. Ein großes Heimweh trat auf. Mutter hatte feuchte Augen.

Ich hatte nun eine besonderes Erlebnis, was mich mein gesamtes späteres Leben begleitete und auch beeinflusste: Ich sah auf einer großen Wiese eine hohe Leiter, die bis zum Himmel reichte. Ganz deutlich zeigte sich die unterste Sprosse. Ich lief zur Mutter und erzählte ihr, dass ich zum Himmel hinaufsteigen wolle um Brot und Kleider zu besorgen. Mutter lachte und ging mit mir hinaus. Keine Leiter war zu sehen. „Da hat mein Kind wohl eine Halluzination gehabt“ – dachte meine Mutter. Ich jedoch erkannte, dass wir in unserem Vorhaben „Auswanderung“ erst die erste Stufe einer großen Leiter bewältigt hatten und dass noch viele Stufen zu ersteigen sind. Das wollte mir Gott so zeigen!

Es waren schon Wochen vergangen, seit sich Vater von der Familie verabschiedet hatte. Mutter wurde unruhig. So packte sie eines Tages ihre vier Kinder und ging ohne Sprachkenntnisse durch die Straßen von Santa Fee, was wegen des Bürgerkrieges sehr gefährlich war. Überall stellte Sie Nachforschungen an und erkundigte sich nach Vaters Verbleib. Nach vergeblichen Bemühungen, sich in einigen Büros verständlich zu machen, fand sie endlich in einer Ministration einen Dolmetscher, der bereit war, ihr zu helfen.

Todmüde kamen wir in unserer Wohnung an. Aus Mitleid brachte uns eine Köchin, die in einer Nachbarvilla beschäftigt war, etwas Essen, was fortan öfters geschah. Dieses Almosen nahmen wir mit schwerem, aber doch dankbarem Herzen, gerne an und mag uns vor dem Hungertode gewahrt haben.

Endlich kam Vater zurück. Die Freude war riesengroß. Aber Mutter bemerkte an seinem Äußeren und an seinem Benehmen, dass er nichts erreicht hatte, wie dem auch so war. Eine Möglichkeit nur sei ihm geboten worden, nämlich eine Farm zu übernehmen. Dieses Angebot hatte er angenommen. Eine ungeheure Fläche sei nun sein eigen. Zum Urbarmachen würden eine Anzahl von Ochsen unentgeltlich gestellt, aber sonst keine Hilfskräfte. Eine Wohnung gäbe es dort und einen Ziehbrunnen. Vor Jahrzehnten seien Polen dort gewesen, die aber das Land verlassen hätten und wieder in ihre Heimat zurückgekehrt seien. „Es war nichts anderes zu finden“ sagte er nicht gerade mit Euphorie.

Im „Totonda de Retiro“, im Emigrantenhaus, gab es für die Einwanderer eine ärztliche Betreuung und ein Arbeitsamt. Seit dem Jahre 1906 wurden die hinzugekommenen Einwanderer im neuerbauten „ Hotel de Immigrantes “ untergebracht. Heute wird das Gebäude als nationales Einwanderungsmuseum genutzt.
Fotos aus dem Informationsbericht über die Reise nach Argentinien von Franz Appel (Sign. A. III 7 (2) genehmigt von der Handelskammer Bremen.
 
 
Regierungsgebäude von Buenos Aires zu jener Zeit Fotos aus dem Informationsbericht über die Reise nach Argentinien von Franz Appel (Sign. A. III 7 (2) genehmigt von der Handelskammer Bremen.
 
 
   
6. Mit einem Ochsenkarren durch die Wildnis

Nach zwei Tagen kam ein Karren mit Segeldach. Zwei Ochsen waren vorgespannt. Ein Indianer, der die Unbilden der Landschaft kannte, saß auf einem Bock. Vater hatte als Proviant schwarzen Tee und viel Zwieback gekauft. Wir luden unsere bescheidenen Habseligkeiten auf, wozu vor allem Hausgeräte, Kleider und Betten gehörten. Alles ging in lautloser Stille vor sich. Eine Freude wollte auch bei uns Kindern nicht aufkommen.

Ganze vier Wochen karrten wir durch Steppen, Sümpfe und Urwälder. Krokodile und zischende Schlangen waren keine seltene Gefahren. An Sümpfen mit quakenden Fröschen und viel Dornengestrüpp kamen wir vorbei. Auch hörten wir oft die Wilden aus dem Urwald brüllen. Der Indianer gab dann aus seinem Gewehr einen Schuss ab und das Gebrülle verstummte für einige Zeit. Raubvögel, die nach Opfern für ihre Nahrung suchten und Moskitoschwärme begleiteten unser Gefährt stetig. Als wir einmal in einer verlassenen Lehmhütte übernachteten, stand dort eine Futterkrippe. Da legte Mutter den kleinen Leo hinein und meinte schmunzelnd, dass er nun wie das kleine Jesuskind gebettet wäre.

Wenn nun unser Indianer Hunger hatte, schoss er ein Feldhuhn, das er entfederte und sofort roh verspeiste. Auch Vater schoss Feldhühner, die Mutter am Feuer gebraten hat. Das Holz für das Feuer sammelten wir Kinder – mussten jedoch stetig aufpassen, dass uns keine Schlange in die Quere kam. Einmal schlug Mutter eine solche mit der Axt in Stücke, die nach dem Bruder Rudolf ausholte.

Endlich kamen wir in einer Gegend an, wo es bestellte Felder gab. Einmal sahen wir ein Rübenfeld, ein andermal eine Grasfläche auf denen sich ein Schwarm Heuschrecken niedergelassen hatte. In zwei bis drei Minuten war alles abgefressen, und der Schwarm zog weiter. Die Felder waren in wenigen Minuten zur kahlen Wüste geworden.

Als wir an Mais- und Zuckerrohrfeldern vorbei fuhren, machten wir Halt. Ein kleiner Mundraub sollte uns gestattet sein und brachte etwas Abwechslung in den Speiseplan. Die Maiskörner sättigten, und die Zuckerrohrstangen wurden als Nachtisch gekaut.

Wir wussten, dass eine bäuerliche Ansiedlung in der Nähe sein musste. Und tatsächlich kamen wir dann an einem bewohnten und recht ordentlichen Hause an. Seitlich vom Haus war ein See mit viel Schilfrohr, Seerosen und Passionsblumen. Wir gingen in das Haus hinein, wo eine Frau an einem eisernen Kessel, der über einem offenen Feuer hing, stand. Sie war sehr freundlich und reichte uns einen Maisbrei mit Fleisch. Es war das erste ordentliche Essen nach vier Wochen. Wir verschlangen es mit wahrem Heißhunger. Die Nacht über rasteten wir auf der Erde im Umfeld des Hauses. Vermutlich war es die Aufgabe der so hilfsbereiten Frau, Durchfahrende zu versorgen. Große Entlohnung für ihre Dienste konnten wir nicht bieten, was sie offenbar auch nicht erwartete.

Am nächsten Tag ging’s weiter. Immer öfter sahen wir nun verlassene Lehmhütten. Daraus war zu schließen, dass es ihre vormaligen Bewohner hier nicht aushielten. Aus den Hütten kamen oft Eulen geflogen, die durch das Gerumpel des Ochsenwagens aufgeschreckt wurden.

Bevor wir unseren Bestimmungsort erreichten, sahen wir am frühen Morgen, als es noch dämmerte, einen auffallend großen Stern am Himmel. Mutter meinte, da sei ein gutes Zeichen Gottes: „Hier gehört ihr hin!“ Konnte es so gedeutet werden? Sollten wir auf der Himmelsleiter schon eine weitere Sprosse erklommen haben? Und tatsächlich, schon bald hielt der Indianer an und sagte in seiner Landessprache: “Hier laden wir ab. Hier das Land mit der Hütte heißt Vaseil. Das gehört nun euch“. Es gab keinen Vertrag, kein Schriftstück, keinen Katasterauszug und selbstverständlich auch keine Grenzsteine zur Orientierung.

Vater half beim Abladen. Dann machte der Indianer kehrt. Zuvor zeigte er noch in eine Richtung und gab zu verstehen, dass dort ein reicher Farmer wohne, bei dem sich Vater beraten lassen könne. Und in der anderen Richtung, etwa eine Stunde entfernt, sei ein stehendes Gewässer am Rande des Urwaldes.

Das war also das uns zugeteilte Land. Es war riesig groß. Vater meinte, es hätte ein Ausmaß von fast 100 Hektar. Und diese Urwaldfläche sollte er, der deutsche Bahnbeamte mit vier kleinen Kindern und einer zarten Frau, nun roden und urbar machen?! Da hätten auch die in Aussicht gestellten Ochsen nicht helfen können. Das war von Anfang an ein mehr als fragwürdiges Unterfangen!

 
   
7. Die schlimme Zeit in Vaseil

Unser zu Hause war nun eine große Lehmhütte mit Naturboden, Schilfdach, kein Fenster und ein armseliger Türeingang. Links der Hütte, in einem Kilometer Entfernung, war der Urwald. Sonst war ringsherum alles Sandwüste. Aus dem Urwald hörte man das Gebrüll der wilden Tiere. Mutter sagte kein Wort der Klage, und auch Vater sagte nichts. Nun stellte sich heraus, dass der Ziehbrunnen, der nahe bei der Hütte lag, ausgetrocknet war. Mit einer mitgebrachten Schaufel kletterte Vater in den Brunnen, aber auch nach stundenlangem Graben zeigte sich kein Wasser. Am anderen Tage suchte Vater das von dem Indianer bezeichnete Gewässer. Aber dieses Wasser war faul. Jetzt ging Vater zu der Farm. Am Abend brachte er dann einen Schlauch voll Wasser und auch eine reichliche Portion Mais mit.

Die Leute auf der Farm waren ursprünglich Franzosen. Acht Männer, zwei Frauen und viele Kinder lebten dort ohne Kenntnis des Zeitgeschehens. Sie wussten nicht, in welchem Jahr sie sich befanden und hatten keine Religion. Sie lebten vor sich hin und pflanzten sich mit den Indianern fort. Jeden Monat kam ein Gefährt aus Bellavista, einem kleinen Urwaldstädtchen, und holte Erzeugnisse von Rindern und Hühnern ab. Dafür erhielten sie lebenswichtige Sachen oder Geld. Einmal in der Woche wurde ein fetter Ochse geschlachtet, der am Feuer gebraten und auf einmal verzehrt wurde. Die nächsten Tage tranken sie Mate-Tee und aßen lediglich gequollenen Mais. Dann bereicherten sie ihr Mal mit Eiern, Milch und selbst geernteten Apfelsinen und Zitronen, um nach einer Woche wieder einen Ochsen aufzuessen. Abends wurden Feldbetten aufgestellt, die morgens zusammengeschlagen und an die Wand gestellt wurden. Bettwäsche gab es nicht. Unentbehrlich waren für alle Moskitonetze, obwohl die Einheimischen unter diesen Tieren nicht so sehr zu leiden hatten wie die Europäer. Die Männer trugen Überhänge aus Tierfellen. Alle, auch Frauen und Kinder, waren wegen der Temperatur sehr leicht bekleidet und trugen keine Unterwäsche. Es gab nur Erdböden, die nicht geputzt werden brauchten. Mit diesem Leben waren sie zufrieden.

In diese Farm ging nun Vater alle Tage hin um dort zu arbeiten. Dafür brachte er abends für Frau und Kinder den Unterhalt und das nötige Wasser mit. An eine Urbarmachung der Sandwüste war nach wie vor gar nicht zu denken. So vergingen die Wochen ohne Aussicht auf eine Wendung der Verhältnisse.

Die Hauptbeschäftigung der armen Mutter bestand tagsüber darin, mit Stecknadeln einem Kind nach dem anderen Sandflöhe aus den Füßen zu bohren, die mit den eingelegten Eiern haufenweise wie dicke Sagokörner anzusehen waren. Diese Tierchen schmerzten furchtbar. Zudem kam es oft zu Eiterungen, wenn zu spät ausgebohrt wurde. Auch Vater hatte von den Sandflöhen wehe Füße, und so war zu befürchten, dass er eines Tages nicht mehr zur Farm gehen konnte. Aber die Not zwang ihn immer wieder und so ging er mit den wehen Füßen täglich dorthin. Wir alle liefen barfuss herum. Die von der Heimat mitgebrachten Schuhe waren kaum noch zu gebrauchen.

Einmal traf Vater in der Farm den Führer des Ochsenwagens aus Bellavista. Er konnte sich mit ihm gut verständigen und ihm seine traurige Lage mitteilen. Er sagte Vater, er hätte da eine Idee und er solle doch ab morgen in seiner Hütte bleiben. Und wirklich, schon bald danach kamen drei Indianer hoch zu Ross. Sie waren auch mit Fellen bekleidet. Diese waren jedoch recht gepflegt und hatten schöne Verzierungen.

Die Pferde hatten feine Sattel und Zügel. Die Indianer sprachen vor den Rossen stehend lange mit Vater und ritten dann, schon fast vornehm grüßend, von dannen. Vater sagte uns, dass die Männer eingesehen hätten, wie nutzlos unter den gegebenen Verhältnissen dieser Wüstenaufenthalt sei und begriffen nicht, welche Zusagen und Abmachungen dazu geführt hatten. In allernächster Zeit bekäme er Bescheid, was weiter geschehen könnte.

In diesem Elend lebten wir schon den siebten Monat! Hier gehörten wir nicht hin. Die Sichtung des Sternes am Ankunftstag hatten wir falsch gedeutet. „Der steht ja auch immer noch da. Das ist der Venusstern. Der wird auch immer da zu sehen sein und zwar für alle Menschen auf der Erde.“ Dies hatte Mutter nun so erkannt. Sie machte uns allerdings neuen Mut und sagte: „Die Mitte der Nacht ist immer der Anfang eines neuen Tages. Wir vertrauen weiterhin Gottes Fügungen. Seine Wege sind uns Menschen oft unergründlich aber letztendlich doch richtig!“ Sogar unser armer Vater gab sich Gottes Wege hin und hat oft Psalmen gebetet.

Eines Tages kam Vater von der Farm und sagte, dass uns am nächsten Tag ein Ochsenwagen abholen würde. So geschah es auch. Vater verabschiedete sich von der Farm und brachte für den Weg in die unbekannte Ferne einige geschlachtete Hühner mit, welche Mutter zurechtmachte und am Feuer briet. Sie bereitete auch Mais vor. Zudem bereicherten auch einige Sandias (Wassermelonen) den Reiseproviant.

Eine argentinische Indiofrau.
   
8. Ein Laden in Villa Ocampo

In zwei Tagen waren wir in Bella Vista. Dort wohnten Mutter und wir Kinder vorerst in einer Wirtschaft. Die Wirtin sorgte wirklich gut für uns, worüber Mutter sehr erstaunt war, weil wir doch nicht bezahlen konnten. Vater fuhr indessen mit einem Schiff über den Fluss Parana nach einem Ort mit Namen Villa Ocampo, wohin man ihn beordert hatte. Dort wurde ihm unentgeltlich ein Haus überlassen, das aus Ziegelsteinen gebaut war. Es hatte ein gutes Dach, vier Räume mit je einem Fenster und zwei Eingängen, aber keinen Schornstein. In Ocampo fehlte ein Verkaufsladen, und diesen sollten die Eltern eröffnen.

Wir zogen in dieses Haus ein. Der erste Raum wurde ein Verkaufsladen, der zweite ein Lagerraum, und die anderen Zimmer wurden Wohn- und Schlafzimmer.

Der Ort war sehr zerstreut und hatte neben einer großen Zuckerrohrfabrik auch eine Fleischfabrik. Viele Ausländer gab es dort, besonders Franzosen und Engländer. Die meisten hatten ihre Familien in Buenos Aires wohnen, weil es in Villa Ocampo keine Schule gab. In der Mehrzahl waren hier die Indianer, die in armseligen Behausungen lebten. Es gab auch eine neue, wunderschöne Kirche im Ort. Jeden Tag war hl. Messe, die ein aus Frankreich geflüchteter Pastor las. Er hatte die Kirche und auch das Pfarrhaus erbauen lassen. Das Gotteshaus war nur drei Minuten von unserem Haus entfernt.


Die Geschäfte gingen für Senor Pedro Blümling eigentlich nicht schlecht, was die Abrechnungen über gelieferte Waren aus den Monaten enero (Januar) und febrero (Februar) 1892 unter Beweis stellen.

Alle Einwohner freuten sich darüber, dass es nunmehr einen Verkaufsladen gab, um den sich Mutter rührend sorgte. Vater hatte mit der Zuckerfabrik die Abmachung getroffen, dass er auf den Farmen das Zuckerrohr aufkaufe und die Fabrik beliefere. Das machte er zu Anfang recht erfolgreich und verschaffte somit der Familie eine zusätzliche Einnahmequelle.

In der Wildnis waren wir vor Hunger, Durst und Geschwüren fast gestorben. Die Füße waren zerfressen von den Sandflöhen. Abends kamen die Moskitoschwärme wie dicke Wolken heran und richteten uns arg zu, da wir nur provisorische Netze hatten. Entsetzliche Hitze und Schmutz in der armseligen Hütte, die keine Fenster hatte. Es gab kein Wasser - weder für die Reinigung des Körpers noch für die Wäsche. Mal regnete es zwei Tage ununterbrochen und wir vergingen dann fast vor Kälte. Keinen Nachbarn, mit dem man einmal hätte sprechen können, dagegen nur das Gebrülle aus dem Urwald. Wie gut ging es uns jetzt! Wir litten keine Not mehr! Ich hätte nun gerne gewusst, auf welcher Sprosse der Himmelsleiter wir uns jetzt befinden. Sicherlich waren wir jetzt mindestens eine Sprosse höher gekommen!


Die Landkarte zeigt die Lage von Villa Ocampo (Pfeil)

Unserer, vom Schicksal nicht verwöhnten Familie erschien das Haus, die Betätigung und das Umfeld beinahe wie ein Paradies. Vor Dankbarkeit gingen wir jeden Tag zum Gottesdienst in die Kirche. Sonntagnachmittags war Mutter-Gottes-Andacht. Ein junger Spanier spielte auf einem kleinen Harmonium immer dasselbe Lied: „Lolate, lolate Maria, o Maria madre mia …“ . Rudolf, der 7 Jahre alt war, durfte schon bei der hl. Messe dienen.

Was allerdings fehlte, war eine Schule. Aber Vater tröstete uns und meinte, dass wir in spätestens zwei Jahren so reich wären, dass die Familie in die Stadt ziehen könne, wo wir Kinder dann das Versäumte nachholen könnten. Man muss jedoch bedenken, dass zu jener Zeit 80% aller Bewohner Argentiniens Analphabeten waren und es die wenigen Volksschulen fast nur in den Städten gab. Das Land zählte nur ca. 4 Millionen Menschen. Es hieß, dass vor einigen Wochen schon einmal Lehrpersonen aus anderen Staaten hier gewesen seien. Man hatte ihnen schöne Wohnungen mit Garten und eingerichtete Schulräume angeboten, was jedoch nicht dazu verhalf, einen Schuldienst im doch noch recht abgeschiedenen Ocampo aufzunehmen, zudem war auch die Bezahlung einer Lehrperson von Anfang an nicht gesichert. Die argentinische Republik legte keinen Wert auf die Ausbildung der Ausländer und Indianer. Somit unterblieb die Besoldung der Lehrpersonen vom Staate aus.

Einmal kam eine Familie Geier aus Essen in die herrliche Wohnung. Der Mann war Lehrer und wegen Studienstreitigkeiten geflüchtet. Er hatte eine liebe Frau und zwei Kinder, ein achtjähriges Mädchen und einen kleineren Jungen. Wir freuten uns sehr darüber und schlossen gleich Freundschaft mit den netten Leuten. Besonders ich freute mich, weil ich nun eine Spielgefährtin hatte. Nachdem Herr Geier seine Tätigkeit aufgenommen hatte, waren wir die ersten ABC-Schützen. Es kamen noch einige spanische Kinder hinzu, deren Eltern kein großes Vermögen hatten und buchstäblich am Hungertuche nagten. Und entsprechend gering fiel eine Vergütung an den Lehrer aus. Meine Eltern alleine konnten ihn nicht bezahlen. So war es nur zu verständlich, dass die Familie Geier schon bald anderswo ihr Glück versuchte. Es gab eben noch keine vollständige Zivilisation in Südamerika in den Jahren 1889 bis 1892, als wir dort waren.

Nun wurde ich aufgrund der mitgemachten großen Strapazen ernsthaft krank. Ich litt oft unter sehr starken Kopfschmerzen, die mich einmal fast an den Rand des Todes gebracht haben. Vater eilte weit fort, um einen Arzt zu holen. Dieser verschrieb eine Medizin, die er selbst aus Mitteln der Natur zubereitete. Sie wirkte zusehends. Nur noch ab und zu litt ich nunmehr unter den Schmerzen. Dann stand das wirksame Mittel stetig zur Verfügung. Allerdings hing mir eine ständige Bronchitis nach. Aber was war das alles im Vergleich zu dem, was nun auf uns zu kam?

Es verbreitete sich das Gerücht, die Schwarze Pocken seien in Ocampo ausgebrochen. Moskitos, die in den Sümpfen und Morasten immerfort gedeihen, hatten diese schlimme Krankheit schnell verbreitet. Und tatsächlich kam schon bald ein in unserer Nähe wohnender Indianerjunge von 20 Jahren in unseren Laden einkaufen. Er zeigte auf seinen Arm, der schon voller Pocken war und meinte, dass er bald tot wäre, was so auch eintraf. Es kam nun ein Arzt nach Ocampo und impfte alle Ausländer. Bei den Indianern hätte das keine Wirkung und darum müssten alle sterben, war seine Einstellung. In Wirklichkeit war es jedoch so, dass die Regierung einen sogenannten Ausrottungskrieg gegen die Indianer führte. Diese sollten durch den Zustrom europäischer Auswanderer ersetzt werden. Man sah nun, dass aus allen Hütten der Indianer Leichen heraus getragen wurden. Wir wussten nicht, wohin. Einige von den an Pocken Erkrankten konnten wieder genesen, doch das Gesicht war für immer von den zurückgebliebenen Narben verunstaltet, was sehr schlimm aussah.

Nun war die Epidemie vorbei und wir waren mit dem Schrecken davon gekommen. Es blieb weiterhin die große Sorge, Schulkenntnisse für uns Kinder zu erreichen, denn mit dem Fortgang des Lehrers Geier waren alle Hoffnungen in dieser Hinsicht vorbei. Dass die heranwachsenden Kinder ohne Schulunterricht waren, machte meinen Eltern die größte Sorge.

Vater und Mutter hatten vollauf zu tun bei den schweren Lebensbedingungen. Vaters Tätigkeit wurde jedoch immer öfter zu einer nutzlosen Anstrengung, obwohl gefährliche Wege zu machen waren. Dies wirkte auf ihn und auch auf die Mutter erschütternd. Doch Vater meinte, dass es ein Fehler wäre, aufzugeben. Mutter blieb also nichts anderes übrig, wochenlang mit den Kindern alleine zu sein, was sie sehr bedauerte. Sie konnte den Laden alleine bedienen. Die Indianer waren sehr genügsam und anspruchslos. Sie waren gut zufrieden zu stellen. Die anspruchsvollen Ausländer waren in der Minderzahl. Alles in allem war unser Laden in Villa Ocampo eine feste Institution. Der bescheidene Umsatz war jedoch kaum zu verbessern. Der Überschuss war entsprechend bescheiden. So war wenig Aussicht auf Besserung der gesamten finanziellen Situation. Hier Vermögen anzusammeln, um dann in eine Stadt zu ziehen, um dort ein solides und gesichertes Leben zu führen, die Kinder in die Schule gehen zu lassen, war einfach nicht möglich. Das erkannte auch ich, ein heranwachsendes Mädchen mit einem Alter von jetzt 9 Jahren. Ja, das Notwendigste zum Leben, was essen, trinken und Kleidung betraf hatten wir – mehr aber nicht. Keine Bildung, keine Kultur, keine Geselligkeit, keine Nachrichten. Wir lebten so dahin! Was war noch von der Zukunft zu erwarten? Was wird aus den Kindern? Bleiben sie Analphabeten? Wir waren nunmehr schon ein Jahr in Ocampo und traten förmlich auf der Stelle.

Eines Tages geschah es, dass ein Indianer eine Sandia verlangte, die neben der Theke in einem Berg voller Früchte lag. Ich stand mit dem kleinen Leo auf dem Arm hinter der Mutter, die sich bückte, um die Sandia zu holen. Da zog der Indianer ein langes Messer heraus, um der Mutter den Kopf abzuschneiden. Da schrie ich: „Mutter, Mutter, der Mann sticht!“ und die Mutter schnellte wie der Blitz zurück. Der Indianer floh von dannen. Einige Leute, die meine schrecklichen Schreie gehört hatten, eilten herbei und verfolgten den Indianer. Nachdem sie ihn eingeholt hatten, wurde er zur Administration gebracht. Man brachte den Mann wieder zu uns und ich musste aussagen, wie der Verlauf war. Er wurde in Ketten gelegt und verurteilt, für längere Zeit Straßenarbeiten zu leisten.

Ein anderes Mal wurden die Mutter und ich in der Nacht durch ein Geräusch wach. Die Mutter flüsterte: „Man bestiehlt uns“. Das Poltern wurde immer anhaltender und schlimmer und unser leises Beten immer inbrünstiger. Da wurde auch Rudolf wach und sagte: „ Ich gehe einmal nachsehen!“ Die Mutter verbot es ihm. Er war erst 7 Jahre alt. Das Poltern hielt weiterhin an. Endlich wurde es Tag und die Schreckensnacht war vorbei. Langsam standen wir auf und lugten durch einen Türspalt. Da war eine große Öffnung in der Ziegelwand und davor standen zwei mächtige Ochsen, die sich Eingang verschaffen wollten, um an Mais, Sandias und andere essbare Sachen zu kommen. Die Ochsen waren irgendwo davongelaufen und wurden später von den Indos wieder eingefangen. Das Loch in der Wand wurde am selben Tag von guten Nachbarn zugemacht. Dieser Schrecken war mal wieder überstanden.

Unserem armen Vater standen die Tränen in den Augen, als wir ihm die Vorkommnisse erzählten. Dass auch dieser Ort Ocampo nicht der rechte Platz sei für unser ferneres Leben, wurde uns immer klarer und durch all die schrecklichen Erlebnisse und Entwicklungen immer deutlicher.

Endlich kam ein großer Auftrag von der Zuckerfabrik. Vater musste wieder fort. Doch zuvor feierten wir 1892 noch Ostern zusammen. Die Eltern gingen zur hl. Kommunion. Für Vater waren es die Sterbesakramente.

Gegenüber von Bella Vista liegt Puerto Ocampo. Auf dem Rio Parná, der zwischen diesen beiden Orten liegt, ist Peter Blümling tötlich verunglückt. Das aktuelle Satelitenfoto zeigt, wie urwaldähnlich sich das Sumpfgebiet noch heute darstellt.
   
9. Vaters Tod im Wirbelsturm

Am Dienstag nach der Osterwoche verließ uns Vater. Es geschah nun etwas Sonderbares, was wir auch wieder als Gottes Zeichen erkannten. An der einen Seite unseres Hauses war eine lange, überdachte Veranda – alles zu ebener Erde. Mutter wusch dort gerade und ich spielte mit dem Brüderchen. Da sah ich ein großes Leuchten am Himmel. Auch Mutter nahm es wahr. Wir konnten beide nicht sprechen. Plötzlich rief Mutter: „Das Leuchten kommt nach hier!“ Und dann war es fort. Es war ein großer Komet, der auf die Erde zustürtzte, sich in der Atmosphäre zerrieb und dann erlosch. Mutter meinte in ihrem unerschütterlichen Glauben, dass Gott uns ein Zeichen gegeben hat, was wir noch nicht deuten konnten.

Am folgenden Nachmittag kam ein vornehm gekleidetes englisches Fräulein, das schon öfter in unserem Laden Südfrüchte gekauft hatte und fragte die Mutter einleitend: „Ist ihr Mann auf Reisen?“ „Ja“, antwortete die Mutter. Darauf sagte das Fräulein, ihre Mutter und noch eine Engländerin seien auch auf Reisen gewesen. Da hätte sie auch unseren Vater gesehen. Er sei zur Überfahrt des Rio Paraná in ein Schiff gestiegen. Auf diesem habe ein Schiffmann bekannt gegeben, dass noch ehe das andere Ufer erreicht wird, ein Sturm zu befürchten sei. Die zwei Frauen seien mit dem nächsten Zug nach Ocampo zurückgefahren. Am nächsten Morgen besuchte uns das Fräulein wieder. Ihr war nun bekannt, dass das Schiff tatsächlich in einen Wirbelsturm geraten war und zerschellt ist. Nur sieben Spanier seien gerettet worden und lägen in Bellavista im Krankenhaus. Unser Vater sei mit untergegangen, nachdem er sich noch stundenlang mit aller Anstrengung an einem Mast festgehalten habe und immer gerufen hätte: „Meine arme Frau, meine armen Kinder!“

Vater konnte nicht schwimmen. Aber auch der beste Schwimmer der Welt hätte sich in diesem wilden Urwaldfluss nicht retten können.

Unsere arme Mutter setzte sich auf eine Kiste und die Kinderchen setzten sich zu ihr. Das englische Fräulein tröstete uns und weinte mit uns. Als das Fräulein fort gegangen war, schloss Mutter den Laden und wir weinten und weinten. Nach langer Zeit sagte dann die Mutter: „Lasst uns auf Gottes Güte vertrauen und beten wir zur lieben Gottes Mutter, dass sie beim Herrn Fürbitte leistet.“ Wir legten uns schließlich mit den Kleidern aufs Bett ohne etwas gegessen und getrunken zu haben. Wir konnten nur weinen.

Beglaubigte Abschrift der Todeserklärung:
„Ich bestätige, dass Peter Blümling, einundvierzig Jahre alt, am 17. April 1892, während der Nacht, umgekommen ist infolge des Umsturzes eines Bootes auf dem Rio Paraná zwischen Puerto Ocampo und Bella Vista, auf welchem Herr Blümling reiste mit anderen, die ebenfalls umkamen. Der Herr Blümling, ein in diesem Volke als arbeitsam und ehrbar geachteter Herr hat seiner Gattin, Frau Blümling, vier Kinder hinterlassen, zwei Knaben und zwei Mädchen und noch eines sehr nahe der Geburt.
SUP-DELEGATCION DE VILLA OCAMPO
Juli 28.1892
(Unterschriften)“

In welch schlimme Lage war nun Mutter gekommen. Sie hatte keine Sprachkenntnisse und war in einem fremden Land. Vier kleine Kinder waren da. Das fünfte wurde im November erwartet. Jetzt war es April. Diesen Jammer zu beschreiben, ist unmöglich! Ich glaubte immer noch an die Himmelsleiter. Aber, wie sollte man diese verstehen? Ich glaubte schon, wir wären auf dieser schon ein wenig hoch gestiegen. Vielleicht war es ja auch so. Vielleicht geht es im Leben nicht immer stetig aufwärts. Das sollte ich als Kind auch noch lernen. So waren wir alle, die Mutter und auch die Kinder, wieder auf der untersten Sprosse angelangt. Ungeheuerlich hatte uns das Schicksal wieder mitgespielt. Mit natürlichem, menschlichem Verstand konnte man solche Fügungen und Zulassungen Gottes nicht verstehen.

Ich hörte, wie Mutter laut betete: „Mein Gott, mein Gott – warum hast du mich verlassen? Wo bist du – großer Gott? Hast du uns vergessen? Ich sitze hier in der Wildnis mit vier kleinen Kindern! Was soll ich nun tun? Du bist meine letzte Zuversicht!“

Und nun fiel uns das Zeichen, das wir am Himmel gesehen hatten und das wir auf uns zukommen sahen, ein. Schlug der Komet nicht in Richtung Osten ein? – wo Europa und das schöne Moselland liegt? Zeigte nicht der Stern von Bethlehem den hl. Drei Königen auch die wahre Richtung an?! Wir glaubten weiterhin fest an Gottes Vorsehung. Für Mutter stand nun fest, die Reise geht zurück in ihr geliebtes Neef. Die übernatürlich denkende Frau mit der großen Liebe zu ihren Kindern, hat immer nur Gutes und Edles von ihrem Mann gesprochen, der eigentlich nur eine glückliche Familie um sich haben wollte in einem gesicherten Wohlstand. Das Unternehmen „Auswanderung nach Argentinien“ war gescheitert. Ein studierter deutscher Bahnbeamter hatte hier in dieser Zeit keine Chance – bei allem Einsatz, gutem Willen und bei allen Entbehrungen. Hier ging es auf der Himmelsleiter nicht weiter. Hier konnte uns offenbar auch Gott nicht helfen. Hier war für uns keine Bleibe vorgesehen.

Zuerst erkundigte sich Mutter, wann ein Zug nach Bellavista fahre, was in der Regel nur einmal monatlich geschah. Ansonsten fuhr der Zug auch schon mal je nach Bedarf. Mutter nahm den erstbesten Zug. Da waren wir Kinder ganz alleine. In Bellavista traf die Mutter einen Dolmetscher, der das Unglück auf dem Fluss bestätigte. Zuerst ließ Mutter ein Traueramt halten. Dann schrieb sie einen Brief an ihre Stiefschwester in Deutschland. Im Juli kam die Antwort: „Komm! - Liebes Bäbchen, in Neef haben Dich alle Leute noch so gern wie vor 10 Jahren. Wenn Du auch noch so arm nach Hause zurückkommst, jeder freut sich, Dich wieder zu sehen.“

Das englische Fräulein war der Mutter behilflich, dass sie von dem Inhaber der Zuckerfabrik noch einige hundert Pesos für gelieferte Ware erhielt. Nun verkaufte Mutter alles, was noch im Laden war. So kamen noch einige hundert Pesos hinzu. Dies sollte eigentlich für die Überfahrt reichen und auch noch etwas für Unvorhergesehenes übrig lassen.

Von nun an lebte Mutter wieder auf. Sie versammelte uns Kinder um sich herum und erzählte von dem schönen Moselland. „Und dort in Neef, wo ich meine Jugend verbrachte, wo ich zur Schule ging, wo ich im elterlichen Wirtshaus arbeitete, wo die Leute lustig und fröhlich sind, da gibt es den Petersberg mit herrlichen Aussichtspunkten. Dort ist auch der Friedhof für den Ort und mitten drinnen steht die Peterskapelle. Im Ort, am Flussufer, steht die Burg. In dieser hielten sich in früher Zeit Grafen und Ritter auf, die in der Matthiaskirche zu hl. Messe gingen und auch dort getauft und beerdigt wurden. Und diese Matthiaskirche steht in der Nachbarschaft meines Elternhauses.“ Wie spitzten wir die Ohren, wenn Mutter so voller Euphorie von dem Ort erzählte, wo wir nun hinreisen würden. Ja, sogar Freude kam auf, und wir konnten die Abreise kaum erwarten.

 
   
10. Nichts wie weg! – Die Fahrt aus der Wildnis

Es war alles zur Abreise fertig. Unsere Laune war recht gut. Waren wir doch voller Hoffnung und Zuversicht und war es doch der Start einer Reise zurück zur Mosel.

Das Transportgefährt war zuerst einmal wieder ein Ochsenwagen. Wir luden unsere Habseligkeiten und uns auf und fuhren zu einer Bahnhaltestelle, die als solche kaum erkennbar war. Endlich kroch mit viel Qualm begleitet ein armseliges Bähnchen heran. Es gab Waggons mit Sitzen und solche, die eher einem Viehwagen glichen. Man saß in diesen entweder auf dem Boden oder auf einer einfachen Holzbank die rund um das Abteil ging. Die Reisenden dort hatten zumeist Tiere wie Hühner, Schafe und Ziegen dabei. Sie fuhren vermutlich zum Markt oder waren von einem solchen gekommen. Im Zug sahen wir nur Einheimische. Darunter waren wohl zur Hälfte Indianer. Uns fünf „Blassgesichter“ wies der Schaffner in ein eigenes Abteil mit normalen Holzsitzen ein. Sicherlich hatte der Zugführer Rücksicht genommen, weil man Mutter die Schwangerschaft ansah und zudem die vier Kinder und auch viel Gepäck mit sich führte.

Die Fenster mussten wir zumeist geschlossen halten, da ansonsten der beißende Rauch von der Lokomotive in das Abteil eindrang und die Augen heftig tränen ließ. Der Zug war überbesetzt. Er hielt ab und zu an, damit wir uns an einem Ziehbrunnen oder an einer Quelle erfrischen konnten.
Zumeist war dort eine Zuckerrohrplantage oder auch eine Rinderfarm. Gerne nahm man auch die Gelegenheit wahr, um ein nötiges Geschäft zu erledigen.

Dies geschah jedoch nicht im Sinne des Farmers. Er verfluchte und beschimpfte uns dann in allergrößter Lautstärke. Er scheuchte uns weg, als wären wir ein Schwarm Ungeziefer.

Die Aborte im Zug waren in einem katastrophalen und unbeschreiblichen Zustand. An die Art der Verrichtung eines „schnellen Geschäftes“ in der freien Natur hatten auch wir uns bald gewöhnt.

Auch wurden bei solchen Kurzaufenthalten wilde Früchte, wie Apfelsinen und Zitronen, geerntet, was ein hoch willkommenes Labsal war. Beim Ernten musste man höllisch aufpassen, dass man nicht von Schlangen gebissen wurde, die oft in den Bäumen lagen, sich sonnten und nicht gestört werden wollten.

Scheinbar kannten auch die Affen die Rastplätze; denn sie waren schnell zugegen und stibitzten was sie nur kriegen konnten. Einmal entwendete ein Affe ein Kleidungsstück von einer Frau, schleppte es auf einen Baum und machte die unmöglichsten Faxen da oben. Besonders die Kinder amüsierten sich darüber köstlich. Ansonsten fuhren wir viel durch baumlose Grassteppen, den Pampas, wo schon mal halbwilde Rinder- und Guanako-Herden (Lamas) grasten.

Nicht selten kam es vor, dass Tiere den Weg versperrten. Zumeist waren es Rinder, die dann durch helle Pfeiftöne der Lokomotive abgeschreckt werden sollten, was nicht immer gelang. Männer sind dann ausgestiegen und haben die Tiere von den Geleisen weg gedrängt. Dies war nicht nur für uns fremde Europäer ein lustiges Gaudi.

Wegen der freilaufenden Tiere fuhr der Zug auch nicht bei Dunkelheit. Die Tiere kuschelten sich in der Nacht gerne zwischen den Geleisen ein, da diese die Tageswärme gespeichert hatten. Und so hätte es bei einer Nachtfahrt leicht einen Aufprall geben können.

Schon mal mussten wir anhalten, da die Lok Wasser und Kohle brauchte. Auch wurde repariert oder geschmiert. Wiederum stiegen dann die Fahrgäste aus und machten notwendige Verrichtungen. Oft stillten junge Mütter auch ihre Säuglinge. Die Zugfahrt ging sehr holprig vonstatten und war zum Stillen nicht sonderlich geeignet. Wenn es weiter ging, ließ der Lokomotivführer erst einmal die Düse seiner Maschine laut und schrill pfeifen – ein zweites Mal – nach dreimaliger Aufforderung mussten wir alle im Zug sein. Immer wieder entstand Hektik bei dieser Prozedur.

Nun kamen wir an einem Hafenstädtchen am Paraná-Fluss an. Dort stiegen wir in ein kleines Schiff um, das uns auf die andere Seite brachte, wo wir wiederum in einen Zug gleicher Art wie zuvor umstiegen und weiter fuhren.

Die Reise insgesamt war abenteuerlich und anstrengend. Aber unsere Stimmung war nach wie vor recht gut. Zumeist schliefen wir in der Nacht im Freien.

Einmal übernachteten wir in einem Wirtshaus mitten in der Pampa. Es machte von Anfang an einen sehr ungepflegten Eindruck und war eigentlich eine waschechte Spelunke. Der Zugführer gab Mutter diese Empfehlung. Er verdiente vermutlich an dieser Vermittlung. Nachts war es sehr laut im Erdgeschoss – in der Kneipe. Gauchos spielten Karten, zockten, grölten, schimpften, lachten und waren im Laufe der Nacht irgend wann übermäßig alkoholisiert. Ab und zu waren auch schrille Frauenstimmen zu hören. Das ganze Haus roch nach Schnaps und Tabak. Wir Kinder bekamen Angst und kuschelten uns bei Mutter ein. Diese hatte ihr kleines Säckchen mit dem Geld vorsichtshalber unter ihrem Kopfkissen liegen. Als dann die Raubeiner anfingen melancholische Lieder zu singen, die von einer Gitarre begleitet wurden, war das recht faszinierend und sogar auch schlaffördernd.

Und wenn wir zur Latrine mussten, dann gingen wir allesamt in der Nachtkleidung zum Hof. Eine Petroleum-Laterne stand im Zimmer bereit und leuchtete uns auf dem Weg. Keiner wollte im Zimmer alleine bleiben, was auch Mutter nicht zugelassen hätte. Auch auf dem Weg zur Latrine war das Säckchen mit Geld nicht ohne Aufsicht. Mutter hatte es unter dem Rock versteckt. Als wir so über den Hof gingen, gab das ein sehr lustiges Bild ab, was die harten Kerls aus der Kneipe auch so wahrnahmen und herzhaft darüber lachten.

Am Morgen wuschen wir uns am Ziehbrunnen. Wir stellten fest, dass einige der zechenden Männer irgendwo lagen. Sie schliefen ihren Rausch aus. Auch unseren Zugführer konnten wir unter diesen entdecken. Der Wirt weckte ihn und stelle ihm ein Frühstück vor die Füße. Er verzehrte es in aller Ruhe.

Doch dann hatte er es plötzlich eilig. Schließlich ließ er die Lokomotive wieder pfeifen und weiter ging die Fahrt. Wir hatten alle eine recht gute Stimmung. Wir waren wir mit dieser denkwürdigen Unterbringung in dem zweifelhaften Etablissement durchaus zufrieden gewesen und hatten ein Abenteuer besonderer Art erlebt. „Andere Länder – andere Sitten!“ bemerkte Mutter. Über den Aufenthalt in der Spelunke unterhielten wir uns noch nachhaltig und konnten darüber sogar lachen.

Mit dem Essen und Trinken kamen wir zurecht. Das Leben der letzten Jahre hatte uns zäh und anspruchslos gemacht. An die ständigen Maisgerichte hatten wir uns schon längst gewöhnt. Mais war für alle hier das Grundnahrungsmittel. Und wenn wir kein Wasser hatten, stand irgendwo in der Natur eine Wassermelone parat. Viele Farmen waren verlassen. In den vormaligen Gärten fanden wir diese oft in Fülle. Sie hatten sich offenbar immer wieder fortgepflanzt.

Abends, gleich wo wir übernachteten, suchten wir unseren Körper gegenseitig nach Läusen und Flöhen ab. Daraus machten wir regelrecht einen kleinen Wettbewerb. Der Jüngste und Kleinste unserer eingeschworenen Clique, der Leo, war eifrig bei diesem Spiel dabei, was uns alle amüsierte. Mutter musste plötzlich laut lachen. Ihr fielen bei diesem Spiel die Affen auf dem Rastplatz ein, die sich ja in gleicher Weise beschäftigt hatten.

Es hatte einige Tage gedauert, bis wir in Buenos Aires ankamen. Wenn man jedoch in Betracht zog, dass wir für diese Entfernung ganze vier Wochen auf einem rumpeligen Ochsenkarren für die Hinfahrt in die Wildnis benötigten, konnten wir mit diesem Transport zufrieden sein. Es waren immerhin ca. 900 km, die wir mit der Bahn zurückgelegt hatten. Und die Bahnverbindung von Villa Ocampo bis Buenos Aires war keine Hauptstrecke der argentinischen Staatsbahn. Entsprechend einfach, ja zum Teil provisorisch waren die Streckenverhältnisse.

Mit einem solchen "Stahlross" ging es durch die Wildnis
Foto: Manfred Zimmer
 
 
Ziegenhirt am Bahngleis
Foto: Manfred Zimmer
 
 
Gaucho bei einer Siesta
Foto: Manfred Zimmer
   
11. Die letzten Tage in Argentinien

In Buenos Aires kamen wir in ein großes Hotel, in dem viele Passagiere untergebracht waren. Alle warteten auf die Abfahrt des Schiffes nach Antwerpen.

Vier volle Wochen dauerte es, bis es endlich bereit stand. In aller Ruhe konnten wir Vorbereitungen zur anstehenden großen Reise über den Ozean treffen. Dazu gehörten auch erforderliche gesundheitliche Untersuchungen.

Zur Mutter wurde gesagt, dass sie in ihrem Zustand als schwangere Frau die Reise nicht riskieren dürfe. Sie sei zu zart von Natur aus und würde die auf sie zukommenden Strapazen nicht überleben. Aber Mutter bat so flehentlich, dass man einsehen möge, dass sie nicht die Mittel habe, bis zur Niederkunft im November zu bleiben. Sie habe ein großes Gottvertrauen und sie wisse, dass sie gut in der Heimat ankommen wird. Schließlich willigte man ein.

In Ocampo gab es eine andere Währung als in Buenos Aires. Dies mag mit den zerrütteten Verhältnissen im Staate Argentinien in Zusammenhang gestanden haben. Zwei Jahre zuvor, also 1890, gab es einen Staatsbankrott. Der vormalige „Peso moneda nacional“ war durch neue Noten ersetzt worden.

Draußen auf dem Lande, in der Wildnis, zahlte man noch mit der alten Währung. Der Geldvorrat musste also auf einer Wechselbank umgetauscht werden. Der Hotelier riet Mutter, einen ihm bekannten Dolmetscher mitzunehmen. Mutter zahlte dann im Hotel die Überfahrt und die Unterkunft.

Sie hätte eigentlich noch danach noch 900 Pesos übrig gehabt. Der Dolmetscher stellte jedoch fest, dass ihr nur 800 Pesos zuständen, und ließ sich auch zu keiner anderen Feststellung kommen. Er sah von Anfang an nicht vertrauenswürdig aus. Aber was sollte Mutter tun? Sie hatte keine Sprachkenntnisse und war auf die Empfehlung des Hoteliers und auf die Einschaltung des Dolmetschers angewiesen. 100 Peso Verlust zu haben, war sehr schmerzlich. Wie mühevoll hatte sie sich das Geld zusammen gerafft.

Sie hatte sich ausgerechnet, dass ihre Barschaft gerade so ausreichen könnte, um die Reise und alles drumherum zahlen zu können. Auch benötigte sie etwas Geld für Neef. Sie wollte doch nicht völlig mittellos dort ankommen. Mutter war verzweifelt und weinte herzzerreißend. „Warum, o Gott immer diese Irrwege? Warum nun dieser Wahnsinn?! Ich gehe zur Bank, um auf normalste Art und Weise Geld zu wechseln und bezahle ohne Einschränkungen meine Schuldigkeiten. Warum nun dieser Betrug? Wann verläuft denn ein Unterfangen endlich einmal normal ab?!“ Wir Kinder hatten mit Mutter großes Mitleid und versuchten sie zu trösten. Wir streichelten sie und sagten ihr, wie lieb wir sie hätten und dass wir ja bald an der schönen Mosel wären.

Dann trocknete Mutter ihre Tränen mit einem verkrumpelten Taschentuch, das ihr ganz lieb Rudolf reichte. Dies hatte sie aufgemuntert und mit einem leichten Lächeln sagte sie dann: „Kinder, wir schaffen es. Lasst uns weiter auf Gott vertrauen!“

Mutter nahm diese Reaktion von uns Kindern zum Anlass, uns einmal groß zu loben. Wir seien sehr lieb und geduldig. Für wahr – wir spielten nur unter uns zusammen mit primitivsten Spielzeug, kannten keine Freunde und Freundinnen. Es gab auch wenig Streit untereinander. Wir waren in die Leidensgeschichte der Eltern voll integriert und hatten immer wieder Mitleid mit ihnen, waren von selbst aus, ohne große Unterweisungen, brav zu ihnen und zollten allergrößten Respekt. Wir malten viel, und Mutter zeigte uns, wie eine Burg aussieht, von denen es ja an der Mosel so viele gibt. Ich brachte meinen Geschwistern Lieder bei, die ich noch von Elberfeld her kannte. Mutter gab sich Mühe, mir Schreiben, Lesen und Rechnen beizubringen, wovon auch Rudolf und Werner etwas profitierten. Ansonsten konnte ich meine Mutter doch recht viel helfen und sie entlasten. So half ich auf der Reise auch tatkräftig, das Gepäck mit zu tragen. Auch Rudolf half dabei. Wir wussten, dass Mutter viel Schonung brauchte. Hatte man sie doch eigentlich gar nicht nach Europa überfahren lassen! Und dann? Ihr durfte nichts passieren! Wir alle wollten doch unbedingt nach Neef in das schöne Moselland! – wovon uns Mutter so begeistert immer wieder erzählte. Wir schonten Mutter, wo es nur ging.

Es war Mitte August 1892. Mutter war im sechsten Monat schwanger. Ich war 9, Rudolf 6, Werner fast 6 und Leo 2 Jahre alt. Mutter zeigte uns ihren dicken Bauch und erzählte, dass sich das kleine Geschwisterchen ab und zu bemerkbar macht.

Als wir auf dem Schiff waren wurde uns das Hauptgepäck gebracht. Doch musste Mutter feststellen, dass der große Korb, in dem Kissen und Überbetten verpackt waren, fehlte. Das Schiff sollte in 20 Minuten abfahren. Die Anlegestelle war etwa 15 Minuten vom Hotel entfernt. Mutter hatte also keine Zeit, zurückzulaufen um im Hotel den Koffer zu reklamieren. Der war uns gestohlen worden, und bei dem Diebstahl wurde die knappe Zeit bewusst mit einkalkuliert. Wer war der Dieb? War es der Hotelier selbst? Ein Angestellter von ihm? Der Transporteur? Mutter schüttelte nur noch den Kopf und schwieg.

„Deutsche-überseeische Bank“, wo Mutter Barbara die letzten Geldvorräte umtauschte, um die Überfahrt bezahlen zu können. Fotos aus dem Informationsbericht über die Reise nach Argentinien von Franz Appel (Sign. A. III 7 (2) genehmigt von der Handelskammer Bremen.
   
12. Die Überfahrt nach Europa

Mit einigen hundert Menschen glitt unser Schiff aus dem Hafen. Die Bordkapelle spielte eine spanische Hymne. „Adios mi lindo Nation …“ (Auf Wiedersehen mein hübsches Land) – so hörte man es die Spanier mitsingen.

So waren wir nun auf dem Schiff ohne Bettzeug. Zudem fehlte uns das Geld, das gestohlen wurde. Mutter war jedoch glücklich. Das sah man ihr an. Waren wir doch nun auf der Heimfahrt. Sie erzählte uns immer wieder von dem geliebten Dörfchen an der Mosel. Dabei waren ihre Gesichtszüge von einem freudigen Schimmer überhaucht. Der Blick auf das weite Meer schien uns geheimnisvoll, etwas, was ich auf der Hinfahrt gar nicht empfunden hatte.

Ich war allerdings damals erst sechs Jahre alt. Auch wir Kinder konnten nun die Ankunft in Neef kaum noch erwarten. Die immer hochgemute Mutter wusste alles zu meistern. Ihr Gottvertrauen kannte keine Grenzen. Sie wusste, dass die Zukunft nicht rosig aussehen kann. Sie stand alleine mit bald 5 Kindern und war eigentlich bettelarm.

In der Ferne sah man Schiffe mit rauchenden Schloten. Kleine Krauswellen tummelten sich spielerisch bei der Berührung mit dem sandigen Ufer. Bei sinkender Sonne war der Anblick besonders schön. Buenos Aires wurde immer kleiner. Als letztes hatte man noch Kirchen und große Bauten gesehen.

Als das Schiff jene Stelle passierte, wo der Rio Paraná in das Meer mündete und Vaters Leiche längst dem Meer übergeben hatte, betete Mutter mit uns Kindern allerlei Gebete. Wir alle waren sehr traurig, weinten und waren in Gedanken bei Vater.

Ein deutschsprechender Matrose kam zu uns und wusste zu berichten, dass sich im Fluss räuberische Piranhas scharenweise aufhalten. "Diese fressen alles, was ihnen in die Quere kommt - sowohl lebende Wesen als auch Kadaver jeglicher Art. Somit erfüllen die Piranhas eine wichtige Funktion zugunsten der Reinerhaltung des Gewässers und verhindern gefährliche Epidemien." Was der Matrose sagte war sicherlich richtig, aber es passte nicht zu unserer Stimmung. Uns wurde ganz schummrig, und Mutter musste sich eine Weile hinsetzen.

Nun gingen wir von Deck in den Raum, wo das Essen ausgeteilt wurde. Es gab Potaje (Gemüseeintopf) mit Tomatensoße und Fisch. Dieses schmackhafte Essen gab es des Abends öfters, darum habe ich es im Gedächtnis behalten. Mutter bekam aus der Erst- oder Zweitklassenküche immer etwas Besonderes. In ihrem Zustand war man um sie sehr bemüht. Solch gutes Essen hätte sie überhaupt nicht bezahlen können.

Abends kletterten wir in unsere Betten – es waren eigentlich einfache Holzkisten. So wurden diese Schlafstätten auch allgemein Kisten genannt. Es waren die einfachsten und primitivsten Unterbringungen an Bord. Für was Besseres hatten wir ja auch kein Geld zur Verfügung. Unsere Kisten lagen hoch. Das hatte den Vorteil, dass die runden Fensterchen zu öffnen waren, und wenn unter uns die Leute seekrank wurden, das Erbrochene nicht auf uns strömte. Wie fehlten uns jetzt die Kissen und Laken, die man uns in Buenos Aires gestohlen hatten. Für einen gewissen Behelf hatte man gesorgt. So kuschelten wir uns in Tüchern und Stoffgegenständen jeglicher Art ein. Trotz allem waren wir mit unseren Unterkünften zufrieden und hatten keine Schlafschwierigkeiten.

Das Schiff war viel kleiner, jedoch gepflegter als das damalige Auswanderungsschiff. So gab es sogar Räume der ersten und zweiten Klasse.

Offensichtlich reisten Kaufleute, und wohlhabende Weltenbummler mit. Wir hatten unser Quartier ziemlich weit unten. Noch tiefer lag nur das Deck, wo Schlachtvieh, wie Kühe, Ochsen und anderes eingepferchtes Getier, untergebracht war. Dies war ein großer saalähnlicher Raum, aus dem es furchtbar stank, was wir aber im Laufe der Zeit nicht mehr so ekelhaft empfanden als zu Anfang unserer Reise.

Ein eisernes schmales Treppchen ging in die Höhe, als ginge es auf einen Hochsitz im Wald. Ganz oben war dann eine Kabine, in welcher der Kapitän seines Amtes waltete, in dem er das Schiff steuerte und die Matrosen kommandierte. Interessant war es, den Kompass zu sehen. Kaum vorstellbar war es für mich, dass dessen Nadel immer nach Norden zeigte, so dass sich der Kapitän immer orientieren konnte. Ich war in allem sehr wissbegierig. Viel zu gerne hätte ich einen Schulunterricht gehabt, wo man solches Wissen ja erlernt hätte.

So verging nun ein Tag wie der andere. Wir blieben gesund und hatten sogar mit der Seekrankheit nichts zu tun, was die anderen Passagiere sehr bewunderten. Die Wildnis hatte uns offenbar hart und zäh gemacht.

Doch dann kam ein großer Regen mit einem mächtigen Sturm. Die Wellen des Meeres türmten sich und waren haushoch. Zuletzt war das Tosen so stark, dass man die Angstschreie der Menschen nicht mehr hören konnte. Die Matrosen liefen zwischen den Schreienden umher, hantierten mit Segeln, Seilen und Rettungswerkzeugen. Eine Katastrophe schien sich anzubahnen. Bleich vor Schrecken konnte man Leute im engen Raum hin und her laufen sehen. Eine unsagbare Furcht vor dem Tode hatte alle ergriffen. Was nutzten da Rettungsgürtel und Schwimmwesten, wenn das Schiff in diesem schrecklichen Sturm unterging? Wir waren in allergrößter Seenot mitten auf dem Atlantik.

Keiner konnte uns helfen. Das Unwetter dauerte zwei Tage und eine Nacht. Niemand dachte an Schlaf oder Essen. Es war wie eine Weltuntergangstimmung.

Mutter und wir Kinder blieben oben in unseren Kisten. Und wieder fand Mutter die passenden und tröstenden Worte. Sie sagte uns, dass das Leben für jeden einmal zu Ende ging. Der Tod gehört zum Leben. Es sei von Gott bestimmt, wann dies sein wird. Es gäbe keine irdische Unsterblichkeit, auch wenn wir nicht in den Wellen umkämen. Für alle Kreaturen bliebe nichts als der Tod übrig. Nun vermisste Mutter die Absolution eines Priesters in dieser Todessituation. Aber es gab keinen Priester auf dem Schiff. Wir beteten immerzu: „Groß ist der Herr und preiswürdig ohne Ende. Er allein kann uns retten aus allen Gefahren“ – so wie er es auch getan hatte, als wir sieben Monate im Urwald wohnten, umgeben von Gefahren, die anders, aber eigentlich noch schrecklicher waren als dieses Unwetter.

Endlich wurde es ruhiger. Ein älterer Matrose, der sich José nannte, sagte uns, dass er in den vielen Jahren seiner Fahrten einen so entsetzlichen, anhaltenden Sturm noch nicht erlebt hatte. Der Kapitän gab bekannt, dass der Kompass noch in Ordnung sei und das Schiff die richtige Richtung hätte.

Man reichte uns ein reichliches Essen und guten Kaffee. Wir waren wieder guter Dinge und Mutter dankte in einem lauten Gebet Gott Vater für die Rettung. Da meinten wir Kinder, Mutter hätte mit unserem Vater im Himmel gesprochen und stellten uns vor, dass er uns nun schöne Kleider, warme Bettwäsche und andere nützliche Sachen schicken würde. Mutter schmunzelte und ließ uns wissen, dass sie zu dem lieben Gott gebetet hat, den man Gott Vater nennt. Wir hatten große Sehnsucht nach unserem Vater und konnten immer noch nicht verstehen, dass er nie mehr zu uns kommen würde.

Das Schiff ging bei günstigem Wetter schnell voran. Wir hatten nun durch Wassernot viel zu leiden, denn das süße Wasser in den Vorratsbehältern ging zur Neige. Das Meerwasser konnte man nicht und durfte es auch nicht trinken. Es gab zwar Sprudelwasser zu kaufen, aber wir hatten ja ein knapp bemessenes Geld und mussten ja auch noch eine kleine Reserve für die Heimat haben. Der Durst war schrecklich.

Ich bekam wieder meine heftigen Kopfschmerzen. Mutter schickte mich aufs Deck um frische Luft zu atmen. Mit großer Mühe kletterte ich die eiserne Treppe hinauf und setzte mich dort hin, wo niemand war. Aber auch hier war es unerträglich und zwar wegen der großen Hitze. Wir befanden uns in der Nähe des Äquators. Ich war fast ohnmächtig, als mich ein Matrose fand, der mich wieder hinunter zur Mutter brachte. Der Schiffsarzt wurde gerufen. Er war es, der sich auch jede Woche einmal nach dem Befinden der Mutter erkundigte. Der Arzt gab mir ein wirksames Mittel und so nach und nach ging es mir wieder besser.

Der Kapitän, der sich rührend um Mutter sorgte, hatte schon längst erraten, dass sie viel Kreuz und Leid trug. Er brachte ihr die Passagierliste und sagte, so gut er Deutsch konnte, dass sich in der ersten und zweiten Klasse wohlhabende und bedeutende Persönlichkeiten befänden und fragte Mutter, ob sie mit dem einen oder anderen bekannt werden möchte, der ihr vielleicht in ihrer Lage behilflich sein könnte. Mutter lehnte ab. Sie fühlte sich zu einfach und hätte ja auch keine Sprachkenntnisse, um mit solch vornehmen Leuten ins Gespräch zu kommen. Auch fürchtete sie, dass jemand Gefallen finden könne an ihren schönen Kindern. Nicht um alles in der Welt würde sie eines davon adoptieren lassen. „Ich bleibe bei euch!“ Eine lebensgefährliche Frühgeburt, was der Arzt nicht ausgeschlossen hatte, schloss sie aus. Das wird Gott nicht zulassen!

Der Matrose José war besonders nett zu uns und hatte uns in sein Herz geschlossen. Er gab uns schon mal sein Fernrohr und wir konnten so in weiter Ferne Schiffe sehen, die mit bloßem Auge nur als winziger Punkt zu erkennen waren. Er freute sich auch, dass wir Naturschönheiten so herzhaft und ehrlich bewunderten. Einmal weckte er uns ganz früh, als es noch dunkel war, damit wir den Sonnenaufgang erleben konnten. Mutter, Rudolf und ich gingen auf das noch menschenleere Deck. Hell und klar leuchteten die Sterne am wolkenlosen Himmel. Und nun sahen wir ihn wieder, den hell leuchtenden Stern. „Das ist der Planet Venus. Er ist am Morgen der Vorläufer der Sonne und geht am Abend nach der Sonne unter.“ Der Matrose erklärte uns dies und zeigte uns auch den großen Wagen und den Nordstern. Als wir ihm erzählten, wie wir diesen Stern als Zeichen Gottes in der Wildnis erkannten, lachte er.

Die Venus hat seit Millionen von Jahren ihren stetigen Lauf. Da kümmert sich Gott nicht mehr drum. José nahm nun seine Schiffslaterne und ging auf dem Deck umher. Er hatte Nachtwache. Mal hatte er am Segel etwas zu korrigieren, mal ging er Geräuschen nach, die aber zumeist von Ratten verursacht wurden.

Die Menschen an Bord lagen im tiefen Schlaf. Wir setzten uns auf eine Bank und erlebten den einzigartigen schönen Einzug eines jungen Tages auf dem Meer. Ein rosiger Schimmer am Rande des Meeres, weit, weit in der Ferne, zog sich am Himmel entlang. Das allein war schon wunderbar anzusehen. Der große Morgenstern versank in die pechschwarze Nacht und wo erst der rosige Streifen zu sehen war, kam nach und nach die Feuerkugel Sonne heraus und stieg höher und höher. Es war wirklich ein Erlebnis zu sehen, wie die blitzenden, funkelnden Wellen des Meeres die Strahlen der aufgehenden Sonne weiter trugen. „So groß ist Gott! Wie können oder dürfen wir da verzagen?“ stellte Mutter fest. Und mir kam in den Sinn, wie undankbar ich schon gewesen bin und mit Gott gehadert habe, weil er all dies erlebte Unglück zuließ. Muss man erst ein solche Naturschauspiel gesehen haben, um fest an Gottes Existenz zu glauben? José kam nun hinzu und belehrte uns, dass die Sonne, die soeben aufgegangen war, bei anderen Völkern jetzt untergegangen sei. Rudolf und ich waren stark beeindruckt.

Nach diesem schönen Erlebnis hatten wir am Tage wieder eine schreckliche Gluthitze, so dass wir vor Durst fast verschmachteten. Da kamen auf einmal Leute die sagten, der Koch habe einen Hitzschlag bekommen und sei tot. Gegen Abend wurde schon die Leiche mit Stricken ins Meer versenkt. Wir sahen mit vielen anderen Passagieren zu, ohne dass jemand betete. Mutter war unten geblieben, und wir erzählten ihr, was geschehen war.

Als Rudolf und ich einen Leuchtturm sahen, teilte uns José mit, dass wir dorthin fahren und kurz ankern würden. Wir hatten schon die Kanarischen Inseln erreicht. Der große Ozean war schon überquert. Am Morgen erreichten wir die Küste. Endlich, endlich wurden die Wasserfässer gefüllt. Obst und alles Mögliche wurde angeschafft. Viele kleine Boote kamen angefahren.

Händler wollten vielerlei Dinge verkaufen. Es entstand ein lebhaftes Treiben rund um unser Schiff. Mutter kaufte uns eine Melone, die wir aber erst am nächsten Tag essen durften, weil wir viel Wasser getrunken hatten. José schenkte jedem von uns Kindern eine Apfelsine. Dann legte unser Schiff wieder ab. Wir hörten noch eine Weile ein wunderschönes Konzert vom Lande her.

An einem anderen Tag sahen wir plötzlich zwei Haifische, deren Körper großen Pferden ähnlich sahen. Es waren Walhaie, die bis zu 20 m lang und über 12 Tonnen schwer werden können. Es sind die größten Haie, die es in den Meeren gibt. Sie schwimmen gerne hinter Schiffen her und laben sich an den Fäkalien, die sie wie Plankton in ihren Kiemen filtern und als Nahrung aufnehmen. Als sie in die Nähe des Schiffes kamen, schossen die Matrosen auf die Tiere. Sie sagten, dass die Fische so stark seien und dass sie ein Schiff umwerfen können, wenn es ihnen gelänge, unter das Kiel zu kommen.

Dort, am Boden der Schiffe, finden sie oft die Ausflüsse, die sie begehren. Wie eine Nussschale seien schon große Schiffe von solchen Haien umgekippt worden. Vielleicht wurde aber hier auch ein wenig Seemannsgarn gesponnen, für das ja die Matrosen bekannt sind. Wir Kinder waren jedoch voll beeindruckt von dem Geschehen und von dem Gesagten. Nach dem Schießen merkte man an den Wellen, dass die Tiere davon schwammen. Nun war auch diese Gefahr überstanden.

Je näher wir unserem Ziele kamen, desto stiller wurde Mutter, die uns ansonsten doch so gerne von Neef und den lieben, guten Leuten dort erzählt hatte. Und hatte sie so inbrünstig erzählt, dass Rudolf und ich wahre Luftschlösser aufbauten, die wir nun bald in Neef zu finden hofften. Wir meinten, dort ein schönes Haus aufzufinden mit einem großen Garten, in dem wir Versteckspielen und Blumen pflücken konnten. Hätte uns Mutter zugehört, hätte sie uns gewiss so schonend wie möglich eines Besseren belehrt.

Antwerpen war erreicht. Mit allen Kisten, Körben und Paketen erreichten wir mühsam die Bahn. Der freundliche Zugführer wies uns ein eigenes Abteil an.

Er kontrollierte unsere Fahrkarten, zog die Vorhänge des Raumes zu und brachte ein Schild an die Außentüre an auf dem in niederländischer Sprache vermutlich stand „wir schlafen und wollen nicht gestört werden“ – oder so ähnlich. Er sah uns die Strapazen der Schiffsreise an und gönnte uns einen guten Schlaf. Das war sehr gut gemeint und hatte auch den gegönnten Erfolg.

Der Zug hielt in Köln als wir aufwachten. Mutter zog die Verdunkelung weg. Und nun sahen wir den großen Dom. Wir waren sprachlos, als wir das mächtige Bauwerk sahen. Auf der weiteren Fahrt waren wir wie aus dem Häuschen. Wir sahen die vielen Burgen und die sauberen weißen Schiffe auf dem Rhein, die Weinberge und die idyllischen Dörfer und Städtchen mit den Fachwerkbauten und den blauen Schieferdächer. Wir waren in einer anderen Welt.

In Koblenz angekommen, schrieb Mutter schnell eine Karte nach Neef und teilte mit, dass wir am nächsten Tag ankämen. Nachdem Mutter am Gepäckschalter alle Habseligkeiten aufgegeben hatte, gingen wir in ein Hotel, wo uns der Portier im dritten Stock ein Zimmer anwies. Dort machten wir uns endlich einmal wieder gründlich frisch, was gut tat. Nachdem wir noch etwas gegessen hatten, legten wir uns zur Ruhe und schliefen in den frischen Federbetten wie eine Königsfamilie in einem Schloss. Am anderen Morgen gingen wir noch in die Stadt zu einer Bank und wechselten unsere noch vorhandenen Devisen um. Dann kleideten wir uns in einem Kaufhaus ein wenig besser ein. So, wie wir angezogen waren, wollte Mutter in Neef nicht erscheinen. Das Geld war aber auch danach bis auf einen Rest aufgebraucht. Und diesen benötigte sie in Neef für einen Neuanfang. Wie gut und klug hatte Mutter doch mit dem wenigen Geld, das ihr zur Verfügung stand, gewirtschaftet!

Wir gingen nach dem Einkauf noch einmal in unser Hotelzimmer und waren reisefertig. Doch als wir zur Tür hinaus wollten, ließ sich diese merkwürdigerweise nicht aufmachen. Mutter probierte alles. Sie klopfte, rief und wir alle schlugen mit unseren Fäusten die Türe fast ein. Es kam kein Mensch. Anscheinend waren wir die einzigsten Hotelgäste im dritten Stock. Es gab auch keine Schelle. So warteten wir ganz verzweifelt drei Stunden und um ein Uhr am Mittag wollten wir in den Zug nach Neef einsteigen. Dann, endlich, hörten wir vor der Tür eine männliche Stimme. Man öffnete die Türe und es stellte sich heraus, dass Leo oder Werner im Spiel unten an der Türe einen Sicherheitsriegel eingeschoben hatten. Der Mann, der uns behilflich war, sagte, dass er rein zufällig im dritten Stock etwas zu tun gehabt habe.

Nun ja, dies Geschehen konnten wir als kleine Episode in dem Drama „Auswanderung nach Argentinien“ abhaken. Wir bekamen noch einen kostenlosen Kaffee für den erlebten Schrecken eingeschenkt und saßen dann schließlich um drei Uhr mit Sack und Pack im Zug.

Die Moselstrecke gefiel uns noch besser als die Rheinstrecke. Das Tal war noch enger, die Weinbergshänge noch steiler, die Dörfer noch kleiner und immer wieder Burgen, Schlösser, Burgen. Auch die vielen Kirchen, von denen jeder Ort mindestens eine hatte, fielen uns auf. Um fünf Uhr erreichten wir Neef.

Mit dieser Truhe kam die hochschwangere Witwe Barbara mit vier Kindern in Neef an. Die Truhe verwahrte die letzten Habseligkeiten.
 
 
Übernachtung im Zwischendeck
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Deutsches Auswandererhaus / Foto: Werner Huthmacher
 
 
Wir nannten unsere Betten "Kisten"
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Deutsches Auswandererhaus / Foto: Werner Huthmacher
 
 
So speisten die Reisenden in der ersten und zweiten Klasse
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Deutsches Auswandererhaus / Foto: Werner Huthmacher
 
 
Walhaie schwimmen gerne hinter Schiffen her und laben sich an den Fäkalien
 
 
Diesen Schuh trug der kleine Leo auf der Überfahrt. Seine Tochter Rosemarie hatte ihn in Verwahrung und ist jetzt im Besitz des Autoren.
   
13. Zurück in Neef

Die Tante Käthe, Mutters Stiefschwester, und Ev-Tante waren zum Abholen am Bahnhof. Diese zwei Frauen weinten, fielen der Mutter um den Hals und waren sehr lieb mit uns Kindern. Dann sagte Käthe-Tante: „Nun kommt, ihr seid herzlich willkommen.“ Das Neefer Bäbche war wieder zu Hause!

Diese Käthe-Tante hatte ein großes Haus an der Mosel. Ihr erster Mann hieß Kreuter, der Jetzige Gietzen. Sie hatte zwei Söhne und zwei Töchter, wovon 1892 noch drei schulpflichtig waren. Der Onkel Michael Gietzen stand an der Tür und empfing uns herzlich. Die Kinder kamen und wollten mit uns sprechen. Aber wegen des für unsere Ohren furchtbaren Plattdeutsch verstanden wir kein Wort. Erst wurde Kaffee getrunken. Dann überließ uns die Tante zwei große und helle Zimmer. Die Tante meinte, wir sollten bei ihr bleiben, bis in zwei Monaten das Kind geboren sei.

Wie hatte sich Neef für Mutter verändert? Bis auf einige wenige Besuchstage von Elberfeld aus war Mutter ja ganze 10 Jahre nicht mehr im Ort gewesen.

Die Matthiaskirche wurde klerikal nicht mehr genutzt. Aus dem Kirchenschiff hatte man eine Scheune gemacht. Ein neues wunderschönes Gotteshaus wurde schon ein Jahr zuvor eingeweiht. Es gab neue Häuser im Dorfdistrikt „Neugarten“. Und viele Leute blieben bei Mutter stehen und redeten und redeten mit ihr. Man freute sich und war neugierig. Man wollte wissen wie es in Argentinien war, wie die Wilden aussahen, welche Tiere es dort gab, wie der Ozean überquert wurde und vieles mehr. Wenn die Rede auf Vaters Tod kam, wurden alle traurig und Mutter weinte dann.

Wie schwer war es für Mutter, als sie ihr früheres schönes Haus mit dem Garten sah. Auch die herrlichen Weinberge in den besten Lagen, die fruchtbaren Gärten und die saftigen Wiesen. Alles war weg. Alles dies gehörte ihr nicht mehr. Nun war sie bettelarm. Einmal sah ich, wie Mutter händeringend am Fenster stand und sprach - ja beinahe rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen!“ Es waren die Worte, die sie auch schon bei der Nachricht von Vaters Tod in voller Verzweiflung an unseren Herrgott gerichtet hatte. Ich weinte mit Mutter. Auch ich konnte Gott nicht verstehen. Auf alle meine Fragen an ihn bekam ich keine Antwort. Aber hatte nicht Jesus auch diese Frage an Gott Vater gerichtet, als er am Ölberg seien schlimmen Leidensweg antrat? Weshalb hatte Gott nicht seinem eigenen Sohn geholfen? Er hatte doch die Macht dazu! Gottes Wege sind unergründlich und letztendlich stellt man fest, dass sie richtig und weise sind. Diese Erkenntnis gab uns Hoffnung.


Das Foto aus dem Jahr 1897 zeigt den Ort Neef, wie man ihn 1892 vorfand. Das Schiff der damaligen Matthiaskirche und auch das elterliche Gasthaus sind bei genauem Hinsehen noch zu erkennen.

Nachdem 1891 schon die neue Kirche geweiht wurde, hat man das Schiff der alten Matthiaskirche versteigert. Es wurde von Michael Bremm erworben, der es mitsamt der Sakristei abgerissen hat. Später, als die angrenzenden Wohnhäuser einem Brand zum Opfer fielen, wurde dorthin ein stattliches Wohnhaus erstellt, in dem auch die Gaststätte "Zum Frauenberg" untergebracht war.

Mutter sagte, da in Neef nur ein kleiner Krämerladen sei, wolle sie ein Geschäft eröffnen, wenn sie eine geeignete Wohnung mitten im Dorf fände. Das Haus der Tante war wegen der abgelegenen Lage nicht geeignet. Mutter fühlte sich stark und wollte noch vor dem Winter anfangen, sobald sie eine Wohnung gefunden habe. Ihr Barvermögen betrug etwas über 200 Mark. Natürlich war damit nicht viel anzufangen. Es war ein Überlegen hin und her.

Da wollte Mutter in Senheim bei Vaters Verwandten um Unterstützung nachfragen. Die Familie Blümling gab es im Ort nicht mehr, aber es lebten dort von der Großmutter selig vier ledige Tanten und ein lediger Onkel in einem schönen und großen Haus. Eine Tante kümmerte sich um Stall und Vieh, eine um die Weinberge, die dritte um Haus und Küche, und die vierte spann Leinwand, nähte und kümmerte sich auch um die Paramente der Kirche (Altardecke, Fahne etc.). Der Onkel half, wo es fehlte. Sieben Fuder Wein ernteten sie in guten Jahren. Somit war ein gewisser Wohlstand dort.

Vor dem Fest Kreuzerhöhung, am 14. September 1892, fuhr uns der älteste Sohn der Tante mit einem Kuhgespann über den Berg nach Senheim. Brav und artig saßen wir Kinder auf einer Karre. Mutter hatte ein besonders dickes Sitzkissen als Unterlage. Der Weg war nämlich holprig und hatte tiefe Furchen. In ihrer Situation hätte sie die Fahrt eigentlich nie und nimmer unternehmen dürfen. Aber: „Es muss ja weitergehen!“ sagte sie.

Der Empfang stellte sich ziemlich kalt dar. Das erste, was sie sagten, war: „Wie konnte Peter so etwas machen?“. Mutter antwortete: „Es ist geschehen und es ist schwer zu ertragen mit vier kleinen Kindern, das fünfte unter dem Herzen, der Ernährer im fremden Land ertrunken, ein herziges Töchterchen Lucia vor Hunger in Buenos Aires gestorben und jetzt mittellos“. Da flossen wohl ein paar Tränen, aber helfen konnten (wollten) sie nicht. Mit uns Kindern waren sie gut und bewirteten uns reichlich acht Tage lang. Dann wurden wir von unserem Cousin, der uns auch hingebracht hatte, wieder abgeholt, ohne dass uns im geringsten geholfen wurde. Zwei Pfund Butter und zwei Brote gab man uns lediglich mit. Was waren das nur für Christen gewesen? Wie leicht hätten sie Mutter helfen können? Sie benötigte lediglich ein kleines Startkapital zur Eröffnung eines Ladens. Ein zinsgünstiger Kredit hätte sehr helfen können! Doch in Gottes Blumenstrauß gehören auch Disteln. Mutter verglich die Menschheit immer mit einem großen bunten gemischten Blumenstrauß aus dem Felde. Sehr enttäuscht kam man in Neef wieder an. Auch andere Neefer Leute konnten das Verhalten der Verwandtschaft in Senheim nicht verstehen.

Auch die Wohlhabenden in Neef hielten sich zurück. Sie konnte sogar spitze Bemerkungen hören: „Selbst schuld – warum hast du diesen Fremden geheiratet – die Neefer Burschen waren dir ja nicht gut genug - wie könntest du es so schön haben, wenn du den Blümling nicht geheiratet hättest?!“ Doch darauf gab Mutter niemals eine bedauernde Antwort, sagte aber oft zu ihnen: „Mein Mann war ein Charakter und die Religion war ihm Herzenssache. Gewiss hatte er eine Strenge an sich, aber ich vertraute ihm wie auf meinen Gott, und wie es gekommen ist, war es Gottes Wille.“

Da endlich bot die Witwe Anna Maria Budinger an, bei ihr zu wohnen. Das Haus war mitten im Dorf. Wir durften Keller, Speicher, Scheune und zwei Zimmer im Erdgeschoss benutzen. In einem davon richteten wir einen Laden ein, der zuerst provisorisch und sehr einfach war.

Mutter kannte von früher in Cochem einen soliden Mann namens Bauer. Er belieferte schon damals die elterliche Gastwirtschaft mit Essenswaren. Er stellte uns kostenlos eine schon etwas ältere Ladeneinrichtung, die er übrig hatte, zur Verfügung. Herr Bauer war nicht verheiratet und hatte ein Kolonialwarengeschäft. Er belieferte Mutter auf Kredit mit allem, was ein Haushalt brauchte in Kartons und Säcken. Von dem, was in den Keller kam, wie Rübenkraut, Heringe und Sauerkraut, bekamen wir je ein Tönnchen. Herr Bauer hatte einen jungen Gehilfen. Es war der Mathias Stolz. Er kam aus der Eifel und war sehr tüchtig. Mit ihm hat Mutter gut zusammen gearbeitet. Mit Kartoffeln und Gemüse half einstweilen Tante Käthe, und mit Milch die Ev-Tante aus und das um Gotteslohn. Der Anfang war gemacht! Eine Existenz war gegründet! Auf ein Heiratsangebot von Herrn Bauer ging Mutter nicht ein, was aber nur eine zeitweilige Verstimmung verursachte.

Als die Leute sahen, was wir für eine fleißige Familie waren, staunten sie und halfen uns so viel es nur möglich war. Es war erstaunlich, wie Mutter das alles so schnell organisiert hatte. Sie war mit viel Freude bei ihrer Arbeit und war wohl eine geborene Geschäftsfrau. Hier gehörten wir hin! Hier wurde eine Sprosse nach der anderen auf der Himmelsleiter erklommen!

Viele Familien waren arm, aber sie kauften, was sie benötigten, bei uns. Es war ganz rührend, wie sie alle Mitleid mit uns hatten. Wenn jemand nicht sofort zahlen konnten, was immer wieder vorkam und auch Gründe hatte, dann wurde dies in einer Kladde festgehalten. Irgendwann wurde bezahlt. Es gab keine Ausfälle.

Auch unser Fräulein Lehrerin Katharina Limbach war sehr nachsichtig mit Maria, die mit 9 ½ Jahren noch keine Schule besucht hatte. Mit ihrer besonderen Hilfe kam ich in der Klasse noch mit. Frl. Limbach hatte, als sie in Neef begann, bei uns in der Wirtschaft gewohnt. Sie kannte und schätzte Mutter noch von damals. Nur unser armer Rudolf fand bei den beiden Lehrern Blankenheim und Heuscher kein Verständnis und hatte unter ihrem Regiment viel zu leiden. Werner hatte da im Laufe der Zeit weniger Schwierigkeiten mit dem Schulunterricht.

So war unser Anfang geglückt und wir waren erst im Oktober – erst einen vollen Monat in Neef. Und jetzt konnte Mutter der Geburt ihres sechsten Kindes in Ruhe entgegen sehen.

Käthe-Tante
 
 
Ev-Tante
 
 
Gasthaus „Zum Frauenberg“
 
 
Das Haus Budinger wurde im letzten Weltkrieg zerstört und existiert heute nicht mehr (Foto von Helga Mentges, Bullay. Ihre Mutter war eine geborene Budinger)
 
 
Links auf dem Bild die Witwe Anna Maria Budinger im betagten Alter Rechts daneben Johann Budinger
(Foto von Helga Mentges, Bullay. Ihre Mutter war eine geborene Budinger)
   
14. Neubeginn und Alltag

.Die Auswanderung der Familie Peter Blümling und die Rückkehr nach Neef hatte nicht nur den engen Familienkreis und die Neefer Bevölkerung beschäftigt, auch Leuten außerhalb des Ortes ging dieses Drama sehr nahe. So konnte auch die bekannte Schriftstellerin Clara Viebig in ihrem Roman „Die Goldenen Berge“, in der sie auf Land und Leute in Bremm und Neef eingeht, auf eine kurze Erwähnung der Neefer Auswanderer nach Argentinien nicht umgehen.

Vom zweiten auf den dritten November mussten wir alle bei der Tante schlafen. Am anderen Morgen wurde uns gesagt, wir hätten ein kleines Brüderchen bekommen. Ich hätte eigentlich lieber ein Schwesterchen gehabt, da ich doch schon drei Brüder hatte. Da war ja wohl nichts mehr dran zu ändern. Nach einigen Tagen fanden wir unser neues Brüderchen herrlich und goldig, und auch ich war nun mit ihm voll einverstanden.

Das Kind wurde auf den Namen Franz Josef getauft. Tante Käthe’s Tochter Barbara war Got (Patin) und Vaters Cousin Franz Schneider war Pate. Beide beschenkten das Kind mit Kleidung für den nächsten Sommer.

Ich konnte nun für einige Wochen nicht in die Schule gehen, da ich Mutter mit dem Säugling betreuen musste. Die Tummese Beb, eine stille und brave Frau, besorgte den Laden. Andere Frauen schickten schon mal gutes Essen und halfen dort, wo es notwendig war. Meine Brüder Rudolf und Werner wurden, wenn sie aus der Schule kamen, bei der Amlinger Mariann Base aufgenommen und beköstigt und machten in der warmen Stube ihr Schulaufgaben. Leo, der erst drei Jahre alt war, nahm sie ganz zu sich. Diese Frau Amlinger war voll des Lobes über die Knaben. Sie seien brav und folgten aufs Wort. Dies freute Mutter sehr. Wir bekamen also gute Hilfe von allen Seiten.

Nun waren wir zu sechst in der Familie im Hause der Witwe Budinger. Das Familienleben wickelte sich in einer bescheidenen Stube ab. Dort wurde gewaschen, gekocht, gegessen und geschlafen. Rudolf allerdings übernachtete mit dem 15 Jahre alten Sohn Johann von Frau Budinger in einem gemeinsamen Bett in einer abgetrennten kleinen Schlafstube auf dem Dachboden. In einem anderen Zimmer hatten wir den kleinen Laden.

Oft geschah es, dass schon am frühen Morgen, wenn wir aufstanden, vor der Türe fein eingewickelt Brot lag. Wir hatten nie erfahren, wer es hingelegt hatte.

Aufregung kam nun vom Amtsgericht in Zell. Man wollte behördlich den Kindern einen Vormund vorschreiben. Dazu gab es auch schon einige Vorschläge. Mutter wehrte sich vehement mit Händen und Füßen dagegen. Als dann verschiedene maßgebliche Neefer Bürger, vor allem der Ortsbürgermeister Nicholas Zimmer, dem Gericht bescheinigten, dass doch Mutter alles im Griff hätte und was für eine tatkräftige und lebensnahe Frau sie sei, sah dies auch das Gericht ein. Mutter selbst wurde nun zum Vormund, durch Bestallung vom 14. Dezember 1892, erklärt. Das war dann auch erledigt.

Besonders zu Festtagen brachten gute Leute schon mal eine Flasche Wein aus ihren eigenen Weingärten. Dann stärkte sich Mutter gerne mit dem edlen Tropfen und ließ sich dazu ein Butterbrot schmecken, dass sie leicht mit Salz bestreut hatte. Auch wir Kinder, besonders Rudolf und ich, durften am Weinglas schon mal nippen, was wir sehr gerne taten.

Zum Spielen mit Kindern war für mich keine Zeit. Die Windeln für das Brüderchen mussten gewaschen werden. Der Dorfbrunnen war jedoch von der grimmigen Kälte vereist. So ging ich an die zugefrorene Mosel. Dort fand ich noch eine kleine offene Stelle, die nur leicht mit Eis überdeckt war. Ich erbrach diese Eisdecke und wusch die Windeln im eiskalten Moselwasser. Der Winter 1892/93 war sehr kalt. Ende April war der Fluss noch zugefroren, und bis Ende Mai schwammen Eisschollen auf der Mosel. Als mich Tante Käthe, als sie aus dem Fenster schaute sah, lief sie herbei und sagte: „Mein Gott, nun kommt ihr armen Leute aus dem heißen Südamerika hier in die bittere Kälte! Es ist dein Tod, Maria. So kannst du unmöglich Windeln waschen. Von jetzt an kommst du jeden Morgen in unser Haus, und ich wasche für euch.“

So geschah es denn auch. Die besser gestellten Leute im Ort hatten alle einen Brunnen im Hause, den sie im Winter dick mit Stroh umwickelten, damit er nicht zufror. Die beiden Gemeindebrunnen blieben bis zum ersten Tauwetter im April zu. Dann machte man rund um die Brunnen Feuer, damit sie auftauten.

Es kam für uns die erste Weihnacht in Neef. Wir waren beeindruckt von der Festlichkeit der Mette. Herr Pfarrer Acker hatte wundervoll gepredigt vom Frieden und der Nächstenliebe. Ja, wir hatten die Nächstenliebe hautnah erfahren. Ja, es gab die Leute, die den Nächsten liebten wie sich selbst.

Und die Leute, die Mutter vor den Kopf sagten, dass sie ihr Leid selbst verschuldet habe, da sie den fremden Beamten geheiratet hatte, die sollte es offenbar auch geben. Auch sie gehörten in Gottes bunten Blumenstrauß. „Kommt “, sagte Mutter, „jetzt schauen wir uns einmal unser Jesuskindlein an.“ Wir gingen an die Wiege des kleinen Franz Josef. Maria küsste das liebe Kind und Rudolf streichelte die Bäckchen des Kleinen. Da lachte es wirklich und war doch noch keine zwei Monate alt. Das war unser schönstes Weihnachtsgeschenk.

Mutter war bekannt geworden, dass die Geschäftsleute, die damals Vaters Bergwerk billig erworben hatten, unendlich reich geworden waren. Sie schrieb zu Neujahr an Vaters Bruder in Essen, Onkel Heinrich, dass er doch noch einmal anfragen solle, ob sie nicht doch bereit wären, eine finanzielle Unterstützung zu geben. Das Bergwerk hätte doch schließlich Vater von ihrem Vermögen gekauft. Onkel Heinrich besuchte uns kurze Zeit danach in unserer armen Behausung. Er sagte Mutter, dass er die Geschäftsleute besucht habe und bei allen seinen Bemühungen nichts erreicht hätte. Es handele sich um weltgewandte und raffinierte Geschäftsleute, denen nicht beizukommen sei.

Keine einzige Mark würden sie herausrücken. Weitere Bemühungen seinen, so Onkel Heinrichs Meinung, zwecklos. Somit gab es aus dieser Richtung ein für allemal keine Hoffnung zu schöpfen. „Eher ist es möglich, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in den Himmel kommt“ – zitierte Mutter die Bibel. Und im Blumenstrauß Gottes waren diese Reichen die Mimosen, die schöner blühen als alle anderen Blumen im Strauß, aber auch am ehesten verwelken. Onkel Heinrich hinterließ gute und aufmunternde Worte, aber finanziell gab es keine Hilfe. Ja, ja – er war ja auch reich geworden.

Durch Mutters robuste Gesundheit, Geschick, Fleiß und Gottvertrauen zählten wir schon bald nicht mehr zu den aller ärmsten Bürgern in Neef. Aber auch wir Kindern hatten Teil an diesem Erfolg. Kaum war die Witterung gut, so gingen Rudolf und ich in den schulfreien Nachmittagen hoch auf den Berg und sammelten Holz, das wir als Brennholz in die Scheune schleiften und aufstapelten. Nicht nur für den häuslichen Herd benötigten wir das Holz, sondern auch für das Brot backen in dem Backes, den der Nicholas Zimmer in der Nachbarschaft hatte. Er stand uns ab und zu zur Verfügung. Den gesunden Feldsalat sammelten wir in den Weinbergen auf. In den Hecken fanden wir Futter für Tante Ev’s Kühe, was diese immer mit einem Kessel voller Milch entlohnte. Es gab nur wenige Wiesen im Mühlbach entlang, so dass mit Heckenfutter und Laub ausgeholfen werden musste. Rudolf ging auch schon mal angeln, und tat es mit viel Geschick und Erfolg. Die freie Natur bescherte uns weiter Nüsse, Löwenzahn, Laiensalat, Bärlauch, Buchecker, Eicheln, Hagebutten, Pilze und vieles andere mehr. Für das Sammeln von Tee’s und Kräutern zeigte ich mich gerne zuständig und hatte auch schnell Kenntnisse auf diesem Gebiet. So konnte ich den Kunden im Laden Empfehlungen geben.

Mutter hatte sich eine Nähmaschine gekauft und einfache Sachen, wie Schürzen, Kopf-, Hand- und Taschentücher genäht. Dieses zusätzliche Produkt war recht gut zu verkaufen und Mutter nähte oft bis tief in die Nacht hinein.

Die Gemeinde hatte uns kostenlos eine Loh-Hecke zur Verfügung gestellt. Dort hätten wir im Frühjahr Lohe schälen können. Die Einnahmen aus dem Verkauf der Lohe waren für manchen Neefer Winzer, auch wenn sie sehr spärlich waren, hochwillkommen. Aber wir hatten nunmehr aus dem Geschäft ein Einkommen, dass uns zufrieden stellte. Zudem war das Lohe-Schälen eine harte und robuste Männerarbeit, und dazu waren meine Brüder noch nicht alt genug. Mutter lehnte das Angebot dankend ab.

Apropos Lohe - dazu gibt es eine recht lustige Geschichte zu berichten: Im Dorfdistrikt "Neugarten" lagerten auf einem freien Platz haufenweise die Lohe. Gerne versammelten sich am Abend dort die Männer. Sie saßen dann auf diesen gebündelten Eichenrinden, tranken ihren "Fluppes" (einfacher Hauswein), hielten Schwätzchen und rauchten Stumpen (selbstgedrehte Zigarren aus billigem Tabak-Kraut - zumeist eigene Ernte). Als Rudolf einmal dort vorbei kam, wurde er gleich aufgehalten, und man bat ihn, aus seiner Zeit in Argentinien zu erzählen, was er auch gerne tat. Als Anerkennung für seinen geselligen Beitrag bot man ihm den "Fluppes-Krug" an, den er auch gerne ansetzte. Noch größer wurde sein Selbstwertgefühl, als er nun auch noch an einem Stumpen ziehen konnte. Fluppestrinkend, von Argentinien berichtend und stumpenrauchend verweilte er noch eine recht lange Zeit bei den Männern - bis ihm plötzlich schlecht wurde und er so schnell er konnte nach Hause lief. Entsetzt sah nun die Mutter ihren blassen und sich übergebenden Sohn. "Um Himmels Willen! Was hast Du? Was ist geschehen? - Hauch mich einmal an!" Rudolf erzähle reumutig was geschehen war. Er musste sofort ins Bett gehen. Zuvor bekam er noch eine Tracht Prügel. Es war übrigens die einzige in seinem Leben, die er von seiner Mutter bekam.

Onkel Heinrich hatte nun Mutter mitgeteilt, dass sein Eisenwarengeschäft in Essen weiterhin so gut gedeihe, dass er nun Hilfe brauche. So wolle er gerne eins oder zwei der Kinder seines Bruders in seine Familie aufnehmen.

Sie sollten es so gut haben, wie seine eigenen Kinder, und er wolle sie auch so ausbilden lassen, dass sie später in seinem Geschäft mitarbeiten könnten.

Wir Kinder hatten nun schon mehrmals mitbekommen, dass man uns in eine fremde Familie aufnehmen wollte. Stets lehnte Mutter solche Ansinnen spontan ab. Als Rudolf und ich einmal wieder im Wald waren und Holz sammelten, berieten wir bei einer Vesper, was wir dagegen tun könnten. „Vielleicht sollten wir in die einsame und verlassene Einsiedelei am Nordhang des Hochkessels ziehen, um dort noch intensiver beten zu können als bisher“ - so meinte es Rudolf. Ich fand seinen Vorschlag gut und fügte hinzu, dass uns zudem dort die Leute, die uns adoptieren wollen, nicht finden, oder uns vergessen würden. Wir wären ja dann weit genug entfernt. Keiner sollte wissen, außer Mutter natürlich, wo wir wären. Später gehörte auch noch Werner zum „Holztrupp“. Wir waren zusammen ein Herz und eine Seele - waren froh und ernst zugleich.

Einmal, als wir Holz im Wald gesammelt hatten, erschien plötzlich der Waldaufseher und brüllte uns an: "Was ihr da macht ist verboten! Das muss vom Förster genehmigt sein! Und einen solchen Genehmigungsschein habt ihr nicht! Das Holz bleibt hier liegen und nun seht zu, dass ihr nach Hause kommt!" Wir waren geschockt und fingen an zu weinen. Dann kam die Frau des Aufsehers hinzu. Sie redete auf ihren Mann lange und beschwichtigend ein, bis dieser letztendlich einverstanden war, dass wir das Holz, so wie wir es gesammelt hatten, nach Hause schleifen konnten.

Als Rudolf 9, Werner gerade einmal 8 und Leo 4 Jahre alt waren, bot ihnen der "Lutsch-Lons" (er lutschte immer Kautabak) eine Arbeit an. Er hatte gehacktes Holz auf den Speicher zu befördern. Darauf ging man ein und hofften, das dürftige Taschengeld etwas auffrischen zu können. Rudolf war recht kräftig für sein Alter. Er ging auf den Speicher, ließ über einen sogenannten Wirbel das Seil mit einem Korb hinab, Werner und Leo füllten ihn und Rudolf zog hoch. Das funktionierte recht gut und füllte einen ganzen Nachmittag aus. Das gesamte Holz lag auf dem Speicher, und nun wartete man schon etwas gespannt auf die Entlohnung. Diese fiel allerdings recht dürftig aus: Jeder bekam ein Butterbrot. Mutter Barbara war darüber entrüstet! "Für den macht nie mehr etwas. Für einen solchen Bettellohn seid ihr mir zu schade!" - war ihre spontane Äußerung.

Im Steinbruch im Bereich des Frauenberges nisteten stets "Erkerte", so nannte man die Sperber. Rudolf war bekannt dafür, dass er ein richtiger Naturbursche war. So kannte er in diesem Felsen die Brutstätten solcher Raubvögel. Der jagdbesessenen Franz Kreuter sprach Rudolf an, ob er ihm einen jungen Sperber besorgen könne. Für Rudolf war das kein Problem. Er stieg in den Felsen ein und konnte aus einem Horst tatsächlich einen jungen "Erkert" an sich nehmen und steckte ihn in einen Beutel. Das war nicht ganz ungefährlich, denn die Vogeleltern ließen diesen Raub nicht so ohne weiteres zu. Zudem musste man schwindelfrei sein und sicher in der Felswand greifen können. Schließlich konnte Rudolf den jungen Sperber dem Franz Kreuter übergeben. Dafür bekam Rudolf eine Mark. Nicht viel - aber auch nicht zu wenig. Als Rudolfs Mutter jedoch von diesem Händel erfuhr, bekam er ordentliche Schimpfe. Hatte doch Rudolf für eine Mark sein Leben riskiert! Er musste die Mark seiner Mutter abgeben und versprechen, nie wieder so etwas hinter ihrem Rücken zu tun.

Allgemein herrschte in Neef eine große Armut. Es gab Familien, die nur ein Fuder Wein ernteten, und das dann noch in schlechter Lage. Dieses verkauften sie gelegentlich für einige 100 Mark, wenn die Weinhändler endlich einmal kamen. Der kleine Erlös musste dann den Jahresbedarf einer Familie für Kleider, Hausbedarf, Gartendünger, Weinbergsgeräte und anderes mehr decken. Man sah Kinder und auch Erwachsene mit Löchern in Schuh und Strümpfen. Reich nannte man den Essigfabrikanten Karl Kaufmann, zwei Gastwirte und noch sechs bis zehn Winzerfamilien mit großem Weinbergsbesitz. Alle anderen mussten sich kümmerlich durchschlagen, zumeist noch mit einem Haufen Kindern.

Nachbar Karl Kaspar Kreuter war Winzer, Schnapsbrenner, Metzger und Hausschlächter. Außerdem unterhielt er den Gemeindestier. Mehrmals kam es vor, dass dieser aus dem Stall ausriss. Dann ging der Schrei rundum "der Stier ist los! - der Stier ist los!" Alle Leute stürzten ins Haus oder begaben sich sonstwie in Sicherheit. Hatte sich der Stier ausgetobt, dann fingen ihn schließlich beherzte Männer wieder ein und brachten ihn in den Stall.

Karl Kaspar musste oft für seine Leistungen lange auf den Geldeingang warten. Er hatte sogar schon Ausfälle hinnehmen müssen. Da ihm ein Neefer Bürger eine offene Rechnung in barem Geld nicht begleichen konnte, gab er einen jungen Stier in Zahlung. Dieser sollte umgehend geschlachtet werden. Kaum hatte man das Tier in das Schlachthaus gebracht, wurde es wild und drückte den Karl Kaspar so an die Wand, dass er fortan ein Herzleiden hatte und später sogar daran starb.

Die allgemeine Armut in Neef stieg. Die Bahn-Trasse war fertig gestellt. Kein Bauarbeiter wurde mehr benötigt. Ansonsten gab es nur noch Beschäftigung in der Essigfabrik. Wohl dem, der dort arbeitete war. Es gab Familien, die nur ein Fuder Wein ernteten, und das dann noch in schlechter Lage. Dieses verkauften sie gelegentlich für einige 100 Mark, wenn die Weinhändler endlich einmal kamen. Dieser kleine Erlös musste dann den Jahresbedarf einer Familie für Kleider, Hausbedarf, Gartendünger, Weinbergsgeräte und anderes mehr decken. Man sah Kinder und auch Erwachsene mit Löchern in Schuh und Strümpfen. Reich nannte man den Essigfabrikanten Karl Kaufmann, zwei Gastwirte und noch sechs bis zehn Winzerfamilien mit großem Weinbergsbesitz. Alle anderen mussten sich kümmerlich durchschlagen, zumeist noch mit einem Haufen Kindern.

Einen Metzger gab es in Neef noch nicht. Die Bestgestellten des Ortes schlachteten im Winter ein Rind oder eine Kuh und zusätzlich noch ein Schwein. Diese Leute hatten einen großen Rauchfang, worin das Fleisch geräuchert wurde. Im Laufe des Jahres wurde dann das Fleisch nach und nach abgeschnippelt und zu Mittag aufgezehrt. Dazu gab es meistens einen Krug „Stipp“, der auch „Fluppes“ genannt wurde. Dies war ein alkoholschwacher Hauswein, der aus aufgeweichten Tresterresten gekeltert wurde. Des Abends gab es zumeist Kartoffelsalat oder nur Kartoffeln mit Speckgrieben und wieder diesen „Stipp“ dazu. Die armen Leute aßen zumeist Kohl, Kartoffeln mit Zwiebelsoße, Salate aus dem Garten. Billigen Pansen und einfache Blut- und Leberwurst kauften sie beim jüdischen Metzger Julius Kahn in Bullay.

Wenn die reichen Leute geschlachtet hatten, vergaben sie den Armen die Wurstsuppe und die Schmalzgrieben.

Als uns Tante Ev im Frühjahr 1893 einen Kinderwagen überließ, war das ein besonderes Ereignis. Wenn ich nun mit dem kleinen Brüderchen auf Sparzierfahrt ging, genoss er dies in vollen Zügen. Er strahlte und strampelte voller Vergnügen. Da blieben auch schon mal die Leute stehen und schwatzten mit mir. Oft wollten sie dann auch von meinen Erlebnissen in Argentinien erzählt haben, und immer bewunderten sie unsere tapfere Mutter.

Der Winter 1893/94 war sehr hart. Einmal wurden wir mitten in der Nacht vom Feuerwehrhorn und läutenden Glocken geweckt. Das Eis auf der Mosel hatte sich gelöst. Jeder der nur konnte lief zur Mosel und schaute sich dieses Ereignis, das sich zu einer Katastrophe entwickeln konnte, an. Es krachte und rumorte. Dicke Eisschollen schoben sich aufeinander. Die Gefahr bestand, dass das Eis in der Krümmung am Frauenberg staute und sich ein See bildete. Dies hätte ein großes Hochwasser zur Folge gehabt. Deshalb standen alle erwachsenen Leute parat, um erforderlichenfalls zu helfen. Wir Kinder, insbesonders Leo, Rudolf und ich, waren beeindruckt von diesem Naturereignis. War es doch noch gar nicht so lange her, dass wir in unserem Umfeld nur brühwarme Sümpfe, Moskitos, Krokodile und Schlangen kannten.

Im Jahre 1894 konnten wir endlich ein geeignetes Haus beziehen, das unseren Urgroßeltern als Schule gedient hatte. Mutter wusste noch zu erzählen, dass der damalige Lehrer gleichzeitig Schuster war. Die Kinder der armen Leute unterrichtete er am Sonntag. Werktags hatten sie für die Familie Arbeiten zu verrichten. Die Kinder der reichen Leute hatten während der Woche Unterricht, die brauchten ja nicht zu arbeiten. Ansonsten hätte er noch Dienste in der Matthiaskirche verrichtet. Er sei nicht der besonders gute Lehrer gewesen. Wenn er viel zu tun hatte, schickte er einfach die Kinder zum Spielen auf die Straße.

Das Haus hatte ein auffallend großes Eckfenster und lag in der Nachbarschaft unserer bisherigen Unterkunft und hatte im Erdgeschoss ein Zimmer, das 45 qm groß war. Dieser Raum diente uns als Laden. Im Obergeschoss und im Dachraum wohnten und schliefen wir. Das Plumpsklo stand draußen in einer Ecke zum Nachbarhaus hin.

Von großem Vorteil war es auch, dass uns ein Kelterhaus zur Verfügung stand. Dies nutzten wir allerdings nicht als solches, sondern wir lagerten in ihm unser Brennholz und konnten auch Leergut und Vorräte dort abstellen. Zudem fanden dort unsere Karre und ein Leiterwägelchen ihren Platz. Neben dem Kelterhaus war uns ein kleiner Garten von Nutzen.

Die Leute, die dieses Haus bewohnt hatten, zogen fort. Der Hauseigentümer, ein alter Junggeselle, wohnte mit seiner ledigen Schwester nun in Zell. Die Miete war nicht teuer. Es bestand die Möglichkeit, das Haus zu kaufen, was Mutter auch vorhatte - „wenn die Kinder aus der Schule entlassen sind“. In diesem Anwesen blühte unser Gemischtwarengeschäft so richtig auf.

Von großen Nutzen war uns die Hilfe von Josef Nelius. Er gab meiner Mutter Geld, damit sie sich einen Sack Mehl kaufen konnte. Mutter stellte den Sack auf einen Küchenstuhl und verpackte die Hälfte des Mehl pfundweise in Tüten ab. Von der anderen Hälfte backte sie Brot. Der Verkauf von Brot und Mehl brachten ihr so viel Gewinn, dass sie dem Josef Nelius das Geld schon umgehend wieder zurück zahlen konnte. Und dieser gute Mann gab Mutter auch weiterhin schon mal einen Kredit, wenn dies nötig war. Josef Nelius war nicht unbedingt ein reicher Mann. Er lebte in bescheidenen Verhältnissen.

Das Geld lieh er Mutter aus, weil er ein gläubiger Christ war und weil er helfen wollte. Nie hatte bei ihm der Profit eine Bedeutung.

Beim jüdischen Metzger Julius Kahn aus Bullay kaufte Mutter Schweinefüßchen und Kalbsköpfe. Daraus machte sie Sülze. Das konnte sie preiswert und doch mit gutem Profit verkaufen. Auch Ziegenfleisch war beim Herrn Kahn billig und kostete 40 Pfennig das Pfund. Rindfleisch kostete 60 Pfennig. Metzger Kahn war sehr gut zu uns. Er gab uns stets Sonderpreise, da er wusste, wie gut er uns damit helfen konnte. Er machte sogar Vorschläge, wie hoch der Wiederverkaufpreis anzusetzen war. Außerdem kauften wir auch noch Fleischwaren, wie kleine Schinken, Speck und Würste von Richard Ebbefeld aus Koblenz. Diese Artikel gingen reißend weg.

Nun verkauften wir auch Stoffe. Diese bezog Mutter vom Großhändler Klischan & Co. aus Köln. Jeden Freitag kam eine Sendung Fisch von der Fa. Heinemann & Udo aus Bremerhaven. Dazu gehörten neben Stockfischen und Bücklinge auch ein Zentner Seefische. Wenn es schon mal vorkam, dass nicht alle Fische verkauft worden waren, wurden die übrigen Fische gebacken, in eine Essigbrühe gelegt und dann verkauft. Diese Arbeit übernahm ich und machte das so perfekt, dass die Leute schon auf diese eingelegten sauren Fische warteten. Von der Firma Fischer & Pies aus Cochem erhielten wir die Kolonialwaren zumeist in Zwei-Zentner-Säcken. Bei dieser Menge gab es einen satten Rabatt. Die Fa. Maret aus Koblenz lieferte Seife und Seifenpulver, die Fa. Heinemann & Udo. Sämereien aus Hameln, Tabak und Zigarren aus Zell und Brodenbach, Kautabak und Rolltabak aus Wittlich, Drogeriewaren aus Aachen – es gab kaum etwas, was bei uns nicht zu kaufen war. Mutter schwätzte gerne mit den Leuten. Sie lachte mit ihnen und nahm auch an ihren Schicksalen teil. Auch ich war voll im Geschäft integriert. Gerne war ich zuständig für den Drogenschrank und gab sogar selbständig die Bestellungen auf. Das Geschäft lief und lief. Die Lieferanten arbeiteten gerne mit Mutter zusammen, da sie immer sofort zahlte.

Wir konnten uns nunmehr schon gutes Rinder- oder Schweine-Fleisch an Feiertagen gönnen. Im Frühjahr kauften wir für 20 Pfennig einen halben Eimer voll mit kleinen Fischen bei einem Bremmer Fischer. Die Fische wurden gesäubert und dann in Rüböl gebacken. Dazu gab es Gemüse aus dem gepachteten Garten.

Inzwischen konnte sich auch Franz Josef in der Familie nützlich machen. Ein besonderes Erlebnis war es für ihn einmal, dass er einen ganzen Eimer voll Laien-Salat in den Felsen vom Frauenberg gesammelt hatte. Als dies der reiche Essigfabrikant Carl Kaufmann sah, konnte Franz Josef mit ihm ein Geschäft machen und erhielt ganze zwei Mark für diese Ernte. Das war übermäßig viel. Was hätte man dafür bei Mutter alles kaufen können! Carl Kaufmann war ein guter reicher Mann. Er half den armen Winzern und kaufte ihnen den Wein auch dann ab, wenn dieser „umgekippt“ war, wenn ihn z. B. die Essigfliege ungenießbar gemacht hatte. Daraus machte er einen schmackhaften Weinessig. Er beschäftigte zeitweise bis zu 30 Leute und gab vielen Familien im Ort eine Existenzgrundlage.

Schnell stieg Franz Josef dann wieder in den Felsen ein und hatte keine Mühe, einen weiteren Eimer voll von diesem köstlichen Salat zu pflücken. Josef kannte die Stellen, wo er wuchs. Das behielt er aber als strenges Geheimnis.

Ja, der Franz Josef war schon als Kind sehr geschäftstüchtig. Der Jude Julius Kahn, der ja Mutter mir Metzgereiartikeln belieferte, war sein spezieller Freund. Herr Kahn war ein ganz frommer Jude. Wenn Sabbat war, richtete er sich streng an die Vorschriften seines Glaubens. Dann durfte er zum Beispiel kein Feuer anzünden, keine Arbeiten verrichten, zu denen er irgendein Werkzeug benötigte. Es war außerdem verboten, am Sabbat etwas zu kaufen oder zu verkaufen. Und um das Nötigste zu verrichten, fuhr Franz Josef mit der Bahn nach Bullay und stand in der jüdischen Familie zu Diensten. Er wurde schon fast fürstlich belohnt, wovon Mutter natürlich immer partizipierte. Der Jude Kahn war wirklich ein guter Mensch. So kaufte er den Leuten schon mal für gutes Geld eine alte Kuh zur Schlachtung ab, oder gab einen Tipp, wo man ein gute junge Kuh günstig kaufen kann.

Es gab also doch auch gute reiche Leute. Dies waren der Carl Kaufmann und der Julius Kahn. Sie waren in dem Blumenstrauß Gottes die prächtigen Rosen.

„Wir“, so meinte Mutter, „sind die Margeriten und auch die Butterblumen. Diese sind im Strauß unverzichtbar und machen die Fülle aus. Und das sind wir.“ Mutter lachte dabei zufrieden. „Damit kann ich gut leben!“ Finanziell ging es uns immer besser. Ja, hier gehörten wir hin! In Argentinien waren wir fehl am Platz! „Da hatte uns der Komet doch den richtigen Weg gezeigt“ meinte Mutter vergnügt und fügte hinzu, dass es doch in vielen Nächten Kometen zu beobachten gäbe. „In der Not, als wir den Kometen in der argentinischen Wildnis beobachteten, klammerten wir uns wirklich an jeden Strohhalm, um Hoffnung schöpfen zu können.“.Werner war mit 14 Jahren bei einem Schneider in Brodenbach in der Lehre. Er hatte einen Freund, der stets unter einem eitrigen Hautausschlag (Schwäre) litt. Diese Krankheit trat damals recht häufig auf. In der Pfarrkirche zu Ernst (bei Cochem) verehrte man den hl. Jobs. Und dieser Heilige, im Volksmund war er der "Schwäre-Jobs", sollte eine solche Krankheit durch Fürsprache bei Gott heilen können. So machten die Beiden eine Wallfahrt nach Ernst. Nach frommen Gebeten begab man sich wieder auf die Rückreise. Zu Fuß ging es nach Cochem, und von dort aus per Bahn nach Löf, wo Werners Freund zu Hause war. Man trank im elterlichen Weinkeller noch einige Gläschen Wein, bevor Werner sich zur Fähre begab um nach Brodenbach überzusetzen. Es war jedoch schon sehr spät, und kein Fährmann rührte sich auf die steten Rufe "Hohl über". Schließlich legte er sich in das Grummet (frisches gemähtes Gras) und fiel in einen tiefen Schlaf. So lag er bis zum Morgen im nassen und kühlen Gras. Dies machte ihn lungenkrank für sein gesamtes restliche Leben.

Es war schon eine kleine Brandkatastrophe, als am 16. März 1903 im Unterdorf drei Häuser abbrannten. Tief in der Nacht hörten wir das Brandhorn, und wir alle eilten aus unseren Betten. Draußen erkannten wir schon die bizarre Helligkeit, welche die Brandstelle unfehlbar auffinden ließ. Auch Mutters Elternhaus brannte. Mutter beobachtete dies erst mit starren Blicken. Schließlich fing sie an zu weinen. Dann hörte ich sie flüstern; "Aus - vorbei". Nun gab es dieses Relikt, das sie an eine schöne Kindheit, an die fröhliche Zeit in der Gastwirtschaft und an den guten Vater erinnerte, nicht mehr. Das Haus brannte bis auf eine traurige Ruine restlos nieder. Dies war für Mutter der entgültiger Schlussstrich unter die Vergangenheit.

Noch bevor der schreckliche Weltkrieg begann, kaufte Mutter 1913 in der Nachbarschaft ein Grundstück, auf dem schon eine gemauerte Scheune stand. Dieser setzte sie einen Neubau vor. Es war ein prächtiges Fachwerkhaus. Wir hatten auch einen schönen Garten dabei, in dem wir allerhand nützliches Gemüse und kostbare Salate anpflanzten. In der alten Scheune hatten wir eine Ziege und allerlei Geflügel untergebracht. Vor allen Dingen hatten wir nunmehr einen wunderschönen Laden und mehr Zimmer als zuvor. Mutter benötigte zu diesem Unterfangen einen Kredit bei dem örtlichen Darlehnskassen-Verein, der ihr bedenkenlos und umgehend bewilligt wurde, da sie eine ordentliche Eigenleistung in barem Geld aufweisen konnte und zudem ja als sehr fleißig und genügsam überall bekannt war. Ja, die Zeiten hatten sich geändert! Die Barbara Blümling war kreditwürdig!

Eigentlich lief nun unser Alltagsleben seinen normalen und geregelten Gang. Ich war Novizin im Kloster, Rudolf hatte das Bäckerhandwerk erlernt, Werner war ein tüchtiger Schneider, Leo ein fleißger Schreiner und Franz Josef schickte sich an, ein guter Kaufmann zu werden. Er vertrat mich im Laden wie es besser gar nicht sein konnte und hatte durch seine lustige Art einen sehr guten Kontakt zu Kundschaft.

Dann kamen 1914 die Einberufungen zum Krieg. Mutter war nun bald schon 60 Jahre alt. Mit viel Tränen verabschiedete sie nacheinander drei Söhne - Rudolf, Leo und Josef. Werner konnte nicht zum Militär gemustert werden. Sein Lungenleiden ließ es nicht zu. Seine Krankheit wurde stetig heftiger. In der Lungenheilstätte in Ruppertsheim im Taunus wurde ihm schließlich gesagt, dass er unheilbar krank wäre. Mit diesem Ergebnis kam er nach Hause. In tiefer Frömmigkeit bereitete nun Mutter ihren Sohn, der noch so gerne gelebt hätte, auf den Tod vor. Nur der Ewigkeitsgedanke konnte Werner in seiner Situation hoch halten. Für Mutter kam noch hinzu, dass die anderen drei Söhne in ständiger Lebensgefahr an der Front waren und dies stetig in Briefen mitteilten.

Am Ostermorgen 1917 starb Werner während des Hochamtes. Obwohl wir auf seinen Tod vorbereitet waren, hatten wir alle eine tiefe Trauer. Bei der Beerdigung gingen Mutter und ich ganz alleine von der großen Verwandtschaft hinter dem Sarg. Danach kamen die Angehörigen und dann das ganze Dorf - wer nur eben abkommen konnte. Werner war jedermanns Liebling gewesen. Leider konnten ihn seine Brüder auf dem letzten Weg nicht begleiten. Sie waren alle fern weg im Krieg. Man konnte nur hoffen, dass sie die Todesnachricht erreicht hatte, und sie ihrem Bruder in Gedanken und im Gebet gedenken konnten.

Als nach dem verlorenen Krieg Mutters drei Söhne wohlbehalten wiederkamen, atmete Mutter wieder auf.

Im Jahre 1927 erwarb Franz Josef ein noch schöneres und größeres Haus. Es war das vormalige Schulhaus. Viele Räume standen uns zur Verfügung. Im Erdgeschoss war nicht nur Platz für einen geräumigen Laden, auch ein Lagerraum für Warenvorräte, eine große Küche, einen Waschraum und sogar einen Büroraum konnten wir dort einrichten. Im Obergeschoss und sogar auf dem Speicher gab es für alle Bedürfnisse einer großen Familie Platz über Platz.

Zu alledem gab es auch noch einen großen Gewölbekeller. Somit war für Franz Josef die Gelegenheit gegeben, mit einem Weingeschäft zu beginnen. Die Weinberge dazu hatte seine Frau Sophie in die Ehe eingebracht.

Mutter wählte sich ein schönes Zimmer im Haus aus. Sie war glücklich, im Familienleben von Franz Josef und seiner guten Sophie eingebunden zu sein, was durch die Geburt von zwei Kindern bereichert wurde.

Taufbuch von Neef: Am 2.11.1892 wurde Franz Josef geboren
 
 
Vormundschaftserklärung
 
 
Hier in dem ersten Schulhaus für Neef begann der Aufschwung des Gemichtwarenladens
 
 
Das vormalige Kelterhaus war nützlich als Schuppen
 
 
Lohschälen war eine harte Arbeit für robuste Männer
 
 
Heinrich Blümling, der erfolgreiche Geschäftsmann in Essen und Bruder vom Peter Blümling
 
 
Eisgang 1894 - Schiffe, die nicht zeitig in einen sicheren Hafen gebracht wurden, waren der Naturgewalt ausgesetzt.
Foto: Rhein-Museum, Koblenz
 
 
Franz Kreuter
 
 
Karl Kaspar Kreuter
 
 
Job, eine biblische Figur aus dem alten Testament, gilt als ein Vorbild der Frömmigkeit, der Geduld und Gottergebenheit.
Die Figur "Job im Leid" steht in der Ernster Pfarrkirche und ist mit Schwären bedeckt.
 
 
Werner
 
 
Franz Josef als Soldat im Ersten Weltkrieg
 
 
Dieses Fachwerkhaus wurde von Barbara gekauft. Es war ihr erstes stolzes Eigentum
 
 
Sohn Franz Josef erwarb dieses vormalige dritte Schulhaus
 
 
   
15. Ein folgenschwerer Entschluss

Im Jahr 1896 ging ich mit 13 Jahren zur hl. Kommunion. Dieses Ereignis war für mich ein Einschnitt und zugleich ein Abschnitt in meinem Innenleben. Auf der Kommunionfeier lobte mich Mutter und ließ alle Gäste wissen, wie tüchtig ich sei und wie ich der Familie nutze. Sie gab fernerhin bekannt, dass ich später, wenn ich einmal aus der Schule entlassen werde, gerne das Geschäft in eigener Regie führen könne. Ich hätte dann schon früh eine gesicherte Existenz. Bei dieser Lobeshymne wurde ich still, denn ich hatte beschlossen, in ein Kloster einzutreten. Eigentlich hatte ich schon mit fünf Jahren, als ich zum ersten Mal eine Ordensfrau sah, das Gelöbnis gemacht, Ordensschwester zu werden. Es war noch in Elberfeld, als Vater den Entschluss fasste, nach Argentinien auszuwandern. Ich sah, wie schwer dieser Entschluss von Mutter verkraftet wurde und konnte mir von nun an das Erwachsenenleben nur im Dienste Gottes in einem Kloster vorstellen. Die dann folgenden Ereignisse bestätigten eher meine Entscheidung, als dass sie zu einer Änderung geführt hätten. Nun musste ich Mutter meinen Entschluss bekennen. Mutter tat nicht so bestürzt, wie ich es befürchtete. Ich hatte schließlich einen Vertrag mit Gott gemacht.

Ja, es kam so vieles anders als Mutter es gehofft hatte. Im Monat August erlitt ich einen Nervenzusammenbruch, dessen Auswirkung sich im Laufe des weiteren Jahres 1896 verschlimmerte. Im Februar des folgenden Jahres musste man mich sogar in eine Nervenheilanstalt bringen. Es war ein furchtbares Erlebnis für die ganze Familie. Ich kam in das Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Psychotherapie, das sich in Dernbach im Westerwald befand und von den Nonnen der „Arme Dienstmägde Jesu Christi“ geführt wurde.

Einen Schwerpunkt legten die Schwestern auch auf Erziehung und Bildung. So gab es für junge Menschen, die zumeist Waisen waren oder aus gestörten Familienverhältnissen kamen, kostenlosen Schulunterricht. Obwohl ich bereits 14 Jahre alt war, durfte ich an diesem teilnehmen. Das war ein großer Vorteil für mein späteres Leben. Ich war mit viel Eifer am Unterricht beteiligt. Mein Gesundheitszustand verbesserte sich so, dass ich 1898 wieder nach Hause durfte. Als mich die Schulschwester Antonelle verabschiedete sagte diese zu mir in einem schon feierlichen Ton: „Maria, ich meine bestimmt, mit dir hat der liebe Gott Besonderes vor. Gehe in die Kapelle und sage Gott, er möge dir die Gesundheit geben und dir den richtigen Weg zeigen.“ Ich betete in der Kapelle, erneuerte mein Versprechen. Es war mir sehr wohl dabei und verspürte eine große innerliche Ruhe. Ich wollte eine fromme „Arme Dienstmagd Jesu Christi“ werden.

Da ich in Dernbach auch eine Ausbildung in der Küche absolviert hatte, ging ich zwei Jahre in einen vornehmen Haushalt in Frankfurt. Dort stellte ich meine Kenntnisse in der Küche unter Beweis und lernte auch noch hinzu. So konnte ich meine Kochkünste in Neef unter die Leute bringen und kochte auf Hochzeiten und Taufen schon mal für 60 – 80 Leute das Festessen. Alle waren von meinen Zubereitungen begeistert. Mutter veranlasste nun, dass ich auch noch in einem Kolonialwarengeschäft ausgebildet wurde, was auch sehr erfolgreich verlief. Danach war ich voll an der Seite von Mutter im elterlichen Geschäft tätig. Die Zusammenarbeit verlief sehr harmonisch und war erfolgreich. Oft lobte mich Mutter. Sie wollte mich sicherlich beweisen lassen, dass ich auch im weltlichen Leben brauchbar bin.

Als ich 25 Jahre alt war, sagte ich Mutter, dass ich schon zwei Heiratsanträge ausgeschlagen und an weltlichen Vergnügungen keinerlei Interesse hätte. „Jetzt möchte ich mein Gelübde einhalten und ins Kloster gehen“. Da sagte die heroische Mutter: „Deinem Glück will ich nicht entgegenstehen. Wenn du meinst, im Kloster sei deine Heimat, dann melde dich in Dernbach an.“ Das war im Frühjahr 1908. Nicht nur mein Bruder Werner, auch viele Leute aus dem Ort sagten: „Wie kannst du deiner Mutter so etwas antun? Bleib doch bei ihr! Du hast kein Herz.“ Dies alles machte mir sehr zu schaffen – änderte aber nicht meinen Entschluss. Ich folgte bedingungslos einer inneren Stimme.

Als ich noch Novizin im Kloster in Dernbach war, kam Bruder Werner krank aus dem Krieg nach Hause und hatte den Tod vor Augen. Ich wurde von der Oberin frei gestellt und half meiner Mutter, wo es nur ging. Ganz besonders pflegte ich meinen Bruder bis er am 8.4.1917 im blühenden Alter von 30 Jahren verstarb. Der Abschied von ihm war für uns alle ein großer Schicksalsschlag.

Am 9. Mai 1922 legte ich mein Gelübde ab. An der Feierlichkeit nahmen viele Verwandte aus Neef, Senheim und Essen teil. Mutter sah, wie glücklich ich war. Sie war selbst auch von Zufriedenheit erfüllt. Ich erhielt den Namen Verenosa (verus – die aus dem wirklichen Leben kommende).

Ich war nun maßgeblich in der Krankenpflege tätig – sowohl in Krankenhäusern, als auch bei Patienten zu Hause. Diese Aufgabe verrichtete ich mit Leib und Seele. Ich erntete viel Lob und Anerkennung. Nie mehr litt ich unter diesen hässlichen Kopfschmerzen. Später, als ich älter wurde, übernahm ich im St. Josefhaus, wo die älteren Schwestern wohnten, die Teeküche. Ich hatte einen eigenen Raum zur Verfügung, in dem ich Küchenkräuter und Tee’s trocknete und zubereitete. Diese hatte ich in der Regel im Wald und auf der Wiese selbst gesammelt. Meine Arbeiten machten mir sehr viel Spaß, besonders dann, wenn mich die Kinder meiner Geschwister besuchten. Ich ging dann mit ihnen sammeln und konnte sie auch belehren.

Schwester Verenosa, schlief hochbetagt am 7. November 1976 im tiefen Frieden ein. Sie hatte die höchsten Sprosse der Himmelsleiter erreicht.

Maria im jugendlichen Alter – eine Stütze der Familie
 
 
Maria mit Mutter Barbara
   
16. Mutters Tod

Entgegen ihrer ansonsten so robusten Art wurde es nun Mutter plötzlich schlecht. So etwas kannte man von ihr nicht. Ein Arzt wurde gerufen, der attestierte, dass eine akute Lebensgefahr besteht. Kaum ein Jahr lebte Mutter in großer Zufriedenheit im schönen Haus, da wartete der Tod auf sie.

Ich wurde sofort wieder von meinem Klosterdienst frei gestellt und pflegte fortan Mutter. Tag und Nacht saß ich an ihrem Bett. Mutter war sehr gefasst und sah darin, dass ihre Kinder so gut gediehen waren, ihre Lebensaufgabe erfüllt. Die harte Zeit in Argentinien hatte alle Kinder geprägt – auch den Franz Josef, der im Leibe der Mutter in schwerster Zeit gedieh. Sie waren gesundheitlich zäh, waren fleißig, konnten entbehren und achteten die Eltern. Mutter wusste, dass sie eine intakte Familie verließ. Sie hatte alle Hürden, die ihr gestellt wurden, gemeistert. Stolz und zufrieden konnte sie nunmehr das irdischen Leben abschließen.

Im Gebet gedachten wir oft an Vater, Lucia und Werner. Für Mutter waren sie nun nicht mehr weit weg. Sie wusste, dass ihr Tod nahte. Am Sonntag nach Dreikönige sagte Mutter: „Maria, geh’ mal hin zu Rudolf. Um diese Zeit machen sie den Christbaum an.“ Und wirklich, die ganze Familie mit den sieben Kindern saßen um den Weihnachtsbaum herum. Sie beteten und sangen Weihnachtslieder. Es war ein Bild voller Harmonie und Wärme. Als ich ganz beeindruckt zur Mutter zurückkam und ihr dies so erzählte, weinte sie vor Glück und Freude.

Sehr erfreut war Mutter, als sie ihr Sohn Leo mit Frau und Kind, die aus Halle an der Saale angereist kamen, noch einmal besuchten. Zuerst war sie mit dieser Ehe nicht einverstanden gewesen, da das Mädchen evangelischer Konfession war. Doch nun erkannte sie, wie nett und sympathisch die junge Frau war, die sogar ihrem drei Jahre alten Töchterchen das Beten gelehrt hatte.

Franz Josef und seine Frau Sophie hatten Mutter ein nettes und großes Zimmer gemütlich eingerichtet. Außer dem Bett gab es ein schönes Sofa, einen Tisch mit Stühlen und einen großen Wäsche- und Kleiderschrank im Raum.

Und nun sagte Mutter plötzlich zu mir: „Maria, sieh mal nach, in der Kommodenschublade liegt mein Leichenkleid. Schon vor einigen Jahren habe ich es mir machen lassen – mit Haube und verziert mit schönen Spitzen.“ Ich holte das Verwahrte herbei und wir beide bewunderten die schöne Machart. Es war sehr beruhigend, wie Mutter ihrem nahen Tod entgegen sah. Sie war eine Heldin - wie sie es auch in ihrem ganzen Leben war. Mutter war auch glücklich gewesen zu wissen, dass sie ihre letzte Ruhestätte auf dem Petersberg fand. Eine solche irgendwo in der argentinischen Wildnis zu haben, war für sie ein Albtraum. Mehrmals bekam Mutter die Sterbesakramente. Mit Pfarrer Acker sprach sie dann recht offen und realistisch über den baldigen Tod, vor dem sie keine Angst hatte.

Ruhig, ja sachlich interessiert für alles was vorkam, blieb Mutter auch in der letzten Woche ihres Lebens. Sie stellte keine Ansprüche - war ein frommer und bescheidener Patient. Bescheidenheit zeichnete sie auch im Leben aus. Auch als sie es zu einem bürgerlichen Wohlstand gebracht hatte, behielt sie diese Charaktereigenschaft. Sie hielt nichts von den Pharisäern, die nach Außen hin bei jeder Gelegenheit, die sich nur bot, ihre Frömmigkeit und auch ihren Reichtum zur Schau stellten. Sollten sie doch eher durch Taten ihren christlichen Glauben unter Beweis stellen.

Es war am Fastnacht-Nachmittag, zwei Tage vor ihrem Tod, da sagte sie zu mir: „Ich höre, dass der Fastnachtszug durchs Dorf geht. Schaue ihn dir einmal an.“ Dies tat ich und freute mich, Mutter erzählen zu können, dass ich Rudolfs Kinder sah und wie musikalisch sie sich gegeben hätten. Aloys wirkte mit einer Geige mit, und auch Werner spielte ein Instrument, während Maria zur Musik den Takt geschlagen hätte. Mutter war zu Tränen gerührt und glücklich.

Am folgenden Dienstag wurde Mutter immer schwächer. Rudolf wollte die Nacht mit mir abwechselnd bei ihr wachen. Mutter meinte jedoch, dass es gut wäre, wenn er zu Hause in seiner Bäckerei wäre, wo er doch benötigt würde, um den Leuten das Brot zu backen. „Maria ist ja da und Josef mit seiner Frau Sophie steht ja auch bereit.“ Sie schliefen nebenan im Zimmer.

Nach Mitternacht sagte Mutter: „Maria, komm und nehme meine Hand.“ Ich betete mit ihr. Nach ein Uhr sagte sie: „Maria, ich sterbe!“. Wie erschrocken kamen ihre Worte. Darauf sagte ich: „Mutter, bist du auch ergeben in Gottes heiligem Willen?“ Worauf Mutter dreimal „JA“ sagte. Ich rief Josef und Sophie, die sofort kamen. Mutter hatte sich inzwischen auf eine Seite gelegt und schlief ein – für immer. Da alles so schnell ging, trafen Rudolf und seine Familie ein, als ihr Geist schon im Jenseits war. An ihren Gesichtszügen konnte man deutlich erkennen, dass sie mit großer Zufriedenheit eingeschlafen war.

Ich zog nun Mutter das schöne Tüll- und Spitzengewand an. Sie lag da so majestätisch, als ob sie sagen wollte: „Jetzt, nach durchrungenem schweren Kampf habe ich die Krone der Gerechtigkeit empfangen; denn der Kampf ist jetzt mein Glück!“ Es schloss sich ein Lebenskreis, der von christlichen Grundsätzen geprägt war:

Glaube und vertraue auf Gott!
Der Glaube gibt Kraft und Zuversicht.
Gott zeigt dir den Platz, wohin du gehörst.

Wenn du verzweifelst in größter Not
und dringend auf Gottes Hilfe wartest, habe Geduld.
Nach jeder dunklen Nacht folgt ein heller Morgen.

Hürden, die gestellt werden, sind eine Herausforderung.
Sie zu bewältigen, ist Gottes Wille
und machen den Sinn des Lebens aus.

Nicht derjenige, der nach Außen hin zeigt, wie christlich er sei, erntet Gottes Wohlgefallen,
- jedoch der, der es in bescheidener Art durch Taten beweist.

Die einfachsten Menschen
sind oft die ehrlichsten Menschen
und haben die klarsten Gedanken.

Bete, und du wirst empfangen.
Doch Gottes Wege sind oft unergründlich
und lassen nicht selten lange auf Antwort warten.

Und dass es Gott gibt,
das erkennen wir an der Natur
und an der Mächtigkeit des All’s.

Der Tod gehört zum Leben.
Jede Blume wird einmal welken
- auch die Allerschönste.

Franz Josef mit Ehefrau Sophie
 
 
Leo mit Ehefrau Olga
 
 
Rudolf...
 
 
...und seine Ehefrau Elisabeth
 
 
Der letzte Gang führte über den sogenannten Totenweg hinauf zum Petersberg
 
 
Der Neefer Friedhof auf dem Petersberg zu jener Zeit – seit Urzeiten die letzte Ruhestätte der Neefer Bürger
   
17. Ahnentafel

Literaturnachweise:
  Tagebuch von Peter Blümling
Aufzeichnung der Ehrwürdigen Schwester Verenosa
Bildnachweise:
  Fotos und Patentschriften - Im Besitz des Autoren
Auswanderungsschiff - Norddeutscher Lloyd, Geschichte einer bremischen Reederei
Deutsches Auswandererhaus, Bremerhaven
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