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Der fromme Eremit Walther von Franz Josef Blümling
Einsiedler, auch Eremiten genannt, waren fromme Männer, die ganz einsam bevorzugt in Wäldern wohnten. Von der Bevölkerung wurden sie deshalb auch „Waldmenschen“ genannt. Sie galten als Sonderlinge. In der Absonderung suchten sie in Askese, in religiösen Übungen und Betrachtungen, die Nähe zu Gott. Vielfach wurden sie auch von ihrem Kloster oder vom Bischof in die Einsamkeit geschickt, um alte Schriften auszuwerten und wiederzugeben.

Wir schreiben das Jahr 1173. Im Hunsrück lebte der Raubritter Wolf. Er war wegen seiner Grausamkeit weit und breit verschrien. Und um ihn hatte sich eine Schar wilder Gesellen angesammelt, die ihrem Anführer an Brutalität nicht nachstand.

Unweit von seiner Burg, in einer Moselgemeinde, es könnte Neef gewesen sein, lebte die sittsame und einfach Bürgerin Clementine. Sie war dem Edelmann Junker Claus von Ortingen versprochen. Claus, der sich durch Tapferkeit in Kriegen um sein Vaterland hervorgetan hatte, sollte dafür mit dem Ritterschlag belohnt werden. Diese Auszeichnung wollte er am Tage der Hochzeit geschehen lassen, um dem Fest ein zusätzliches Gepräge zu geben.

Der so gefürchtete Wolf brach jedoch wie ein Dieb in der Nacht in Clementines Kammer ein, raubte sie und brachte die Verzweifelte im wilden Ritt zu seiner Burg. Halb tot vor Angst schleppte er das arme Wesen zum Altar. Und obwohl kein „ja“ über dessen Lippen kam, segnete der unselige Burgkaplan den Bund auch noch ab.

Verzweifelt, jedoch vergeblich, versuchte Claus während der folgenden Monate sich der Geliebten zu nahen, um mit ihr einen Plan der Flucht zu besprechen. In der Dunkelheit schlich er sich an die Burg heran. Diese ward jedoch von allen Seiten mit Hütern bewacht. So verhallten seine Seufzer nutzlos in der Nacht.

Endlich führte ihn ein freundliches Gestirn dem frommen Einsiedler Walther zu, der in einer bescheidenen Eremitage am Nordhang einer schroffen Felswand des Hochkesselmassivs ein gottgefälliges Leben führte. Von vielen Seiten reichlich beschenkt, brauchte er jedoch für sich selbst nichts weiter als Brot und Kräuter, die er selbst sammelte. Alles, was er übrig hatte, verteilte er an notleidende Menschen, die zu ihm hinpilgerten. Wo er nur konnte, half er. Oft erschien er armen Gefangenen als rettender Engel, löste ihre Ketten und öffnete den Kerker. Seinen passenden Worten und eingreifenden Reden vermochten die Raubritter oder andere harten Burgherren nicht zu widerstehen. Man nannte ihn den „guten Vater“. Er soll 150 Jahre alt geworden sein und während der letzten 100 Jahre seines Lebens nur der Fürsorge um andere gelebt haben. „Und mochten auch die Furchen auf Stirn und Wange das hervorgerückte Alter deuten, der Blick war noch frei und hell, das Auge klar und rein, wie ein wolkenloser Himmel“ – so wird er in einer Überlieferung beschrieben.

So stand Walther, dessen langer weißer Bart fast bis zum Gürtel in dünnen und zitternden Haaren herabfloss, dem so verzweifelten Jüngling gegenüber, der mit Tränen in den Augen um Hilfe bat. „Fasse Mut, Claus, noch ist nichts verloren, noch nicht, ich verschaffe Dir Deine Clementine wieder – Gott wird dann weiter helfen“. Da heiterten sich schnell die Gesichtszüge des Jünglings auf ob der Zuversicht, die geliebte Clementine bald wieder an seine Brust drücken zu können. Und nun drängte er den alten Mann, zur Burg des Grausamen aufzubrechen; denn jeder Augenblick schien ihm Zeitverlust.

Was jedem anderen versagt war, nämlich der Eintritt in die Burg, konnte der Barbar dem „guten Vater“ nicht abschlagen. Ja sogar in Clementines Gemächer konnte Walther vordringen und Wolf wusste selbst nicht, welch geheime Kräfte ihn so überwältigt hatten, um all dies zuzulassen. Und was geschah nun? - welch Wunder! - Walter kam mit der befreiten Clementine zum Burgtor hinaus. „Da hast Du sie, Jüngling!“ – rief er dem überglücklichen Claus zu und führte sie in seine Arme – „aber schnell jetzt fort, denn hier seid Ihr nicht sicher, kommt mit in meine friedliche Klause. Morgen setze ich Euch über die Mosel und ihr könnt in die jenseitigen Eifelberge flüchten“.

Mitternacht war vorüber, als die drei in die Eremitage traten und Walther sie bat, sich auszuruhen. Aber bald trieb ihn die Unruhe vor die Türe, und bebend vor Angst trat er gleich wieder ein. „Ich höre draußen in der Ferne Geräusche und glaube, dass es Wolf ist, der Euch verfolgt.“ Leichenblass sank Clementine auf ihr Strohlager zurück. Aber Claus zog aus seinem Wams einen Dolch, mit dem er nach der Gegend hin drohte, von wo man Hufgeräusche immer deutlicher vernehmen konnte.

„Lass das“ – befahl der Greis – „damit hältst Du ihn nicht zurück. Folgt mir jetzt, schnell, dass wir den Strom erreichen, ehe er hier ist. Mein Nachen bringt Euch an das rettende Ufer“.

Doch der Schreckliche war auf schnaufenden Rossen mit seiner Horde schon da. „Halt“ – schrie er Clementine an, die zu Boden sank. Wütend schwang er über ihrem Haupte das lange Schwert, und es schien, dass er sie damit durchbohren wolle. Doch es kam noch schlimmer! Rachbrütend befahl er, die beiden Liebenden aneinander zu binden, den Jüngling zu blenden und beide vom Felsen hinab in die Mosel zu wälzen. Dann zündete er eine Pechfackel an und steckte die Eremitage in Brand. Schon bald schlugen die Flammen gespensterhaft hoch und machten mit ihrer Helligkeit die Nacht zum Tage.

Zitternd sah der Greis all die Gräuel. Zitternd sah er auf das Ungeheuer. Er fing an zu beten. Und noch ehe es einer der Umstehenden erahnen konnte, stürzte er in die brennende Hütte und ward im Augenblick verschwunden. So hauchte der fromme Eremit im Qualm des Feuers seine Seele aus. Als nun von selbst die Sterbeglocken aus allen Dörfern und Flecken der ganzen Umgebung erklangen und stundenlang nicht aufhörten zu läuten, wurde Wolf und dessen Gesellen von Ehrfurcht ergriffen. Sie fielen auf die Knie nieder und bereuten das Verbrechen. Nichts wurde seither mehr von Wolf berichtet, keine Untaten mehr aufgezeichnet. Dass er und seine Mannen für immer bekehret waren, kann vermutet werden.

Es wird überliefert, dass die Leiche des frommen Eremiten noch am sechsten Tage unverwesen war. Sie wurde im Kreuzgang des Kloster Stuben, um das er sich auch verdient gemacht hatte, würdevoll beigesetzt.

und das Drama um die sittsame Clementine
 
erschienen in:
Heimat zwischen Hunsrück und Eifel, Beilage der Rheinzeitung, Nr. 3, März 2001
 
 
 
 
Stich von einem Eremiten
 
Literaturnachweise:
  Blümling, Franz Josef - Rheinzeitung, Sonderbeilage „Heimat zwischen Hunsrück und Eifel“ Nr. 3 – März 2001
Damitz, Karl von - "Die Mosel mit ihren Ufern und Umgebungen"
Klein, Joh. August - "Moselthal zwischen Coblenz und Konz"
Bildnachweise:
  Auer, P. Wilhelm - "Goldene Legende"
im nächsten Kapitel: Der fidele Bruder Heinrich
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