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Weshalb es für die Neefer Bauern auf der Kirmes nur den Fluppes gab von Franz Josef Blümling
Der Weinkeller des Klosters Stuben war stets gefüllt. Nicht nur der Zehntwein, auch Stiftungen, Mitgifte und Nachlässe sorgten dafür. Zudem hatte Stuben auch noch eigene Wingerte, die in den allerbesten Lagen des Umfeldes lagen. Der Weinvorrat war oft so üppig, dass sogar Keller in Nachbargemeinden angemietet wurden. Da konnten sich die Nonnen schon gut und gerne den besten Tropfen auswählen.

Nun waren diese edlen Fräuleins, wie sich die Nonnen nannten, weil sie alle adeliger Herkunft waren, nicht gerade beispielhaft in ihrem Verhalten. Wegen einer recht ausschweifenden Lebensart besaßen sie erklärlicherweise nicht die Gunst der Neefer Bauern. So entrichteten sie den Zehnten, der zum größten Teil aus Weinabgaben bestand, an das Kloster mit großem Unbehagen. Es gab immer wieder Streitigkeiten, ja sogar Prozesse, um diese Abgabe, weil die vorgeschriebene Menge nicht entrichtet wurde. Letztlich zogen aber die Bauern immer wieder den kürzeren.

Die Neefer Winzer lebten in einer Zeit größter Armut. Sie hatten ja auch noch dem Grundherren als Pacht die Hälfte der Ernte abzugeben, und den Herren von Neef war auch noch Tribut zu zahlen. "Adel und Klerus hatten in Neef hineinregiert und allerlei Drangsale gebracht" - so wird die damalige Szene überliefert.

In dieser Zeit finden wir in den Annalen von Neef unter dem Datum des 9. Septembers 1374, noch kurz vor der Neefer Kirmes am 14. des gleichen Monats, den doch etwas seltsam erscheinenden Beschluss, wonach Erzbischof Cuno II. dem „...Kloster Stuben uff der Inseln und nymand anders gestattet, uff di Kyrmesse Dage daselbst zu verschenken und zu zappen...“. Diese bischöfliche Verordnung, womit das Weinzapfrecht auf der Neefer Kirmes geregelt wurde, erscheint um so erstaunlicher, da es doch eigentlich den Klöstern im Bistum untersagt war, Wein in Flaschen oder aus dem Zapfhahn an das Volk zu verkaufen. Dem Hintergrund dieser recht auffallenden Anordnung Cunos steht folgende Vermutung nahe:

Es gab da noch den Fluppes! Fluppes hatte jeder Weinbauer im Keller und war ein Gesöff, das aus den allerletzten Tresterresten und unter Verwendung von viel Wasser gewonnen wurde. Diese Brühe konnte einerseits vor Bitterkeit dem Trinker das Gedärme zusammenziehen - wie man es im Volksmund so ausdrückte - andererseits diente sie als Durstlöscher. Man konnte viel davon trinken, da sie wenig Alkohol hatte. Deshalb nahm man sie im Steinkrug mit zur Arbeit im Weinberg und auf dem Felde. Und diesen sauren Fluppes lieferte man nun im Zehnthof ab. Weshalb auch nicht? Es war nämlich in der Festlegung des Zehnten nur die Menge vorgeschrieben - nicht aber die Qualität.

Wer kann es den Bauern verdenken, wenn sie sich über diese gelungene List riesig gefreut haben. Da hatten sie doch endlich einmal diese anspruchsvolle und dünkelhaften „Edeltöchter“ ausgetrickst.

Doch die verwöhnten Nonnen waren ob dieser Schlitzohrigkeit empört. Dort in ihrem Kloster, wo sich schon Kaiser Maximilian beköstigen ließ, wo der große Kurfürst Balduin und sonstige Honoren regelmäßig einkehrten, hatte der Fluppes keinen Platz. Das ging einfach nicht, das war eine Frechheit! So ließen sie den Fluppes gleich im Keller des Stubener Zehnthofes in Neef liegen. Und jener Erzbischof Cuno sorgte aus „...besundrer Gnaden...“ dafür, dass die Nonnen den Fluppes noch für gutes Geld auf der Neefer Kirmes loswurden. So waren die Neefer Bauern einmal wieder im Hintertreffen.

So mussten die Neefer Bauern auf der Kirmes, dem größten Fest im Jahr, ihren eigenen abgelieferten Fluppes selbst trinken. Da kam keine Stimmung auf und verbesserte auch nicht das gestörte Verhältnis zu den Stubener Nonnen. Diese lebten in der leicht-lockeren Art weiter, was letztendlich nicht gut endete, wie es die weitere Geschichte noch zeigen wird. Schließlich wurde ja das Kloster wegen sittlichen Verfalls später aufgelöst.

Anmerkung:

Cuno ging damals von der Ansicht aus, dass die Last anstrengenden Kirchendienstes des erheiternden, stärkenden Weines nicht entbehren dürfe. Er hielt viel auf eine gefüllte Flasche – so beschreibt Damitz die Lebenseinstellung und Lebensart des Kurfürsten. Cuno war also alles andere als ein Verächter des Weines. Kein Wunder also, dass er sich so verständlich und gönnerhaft dem Kloster Stuben gegenüber verhielt.

Übrigens scheint sich das Weinzapfrecht auf der Neefer Kirmes als solches bewährt zu haben. Im Jahr 1656 hatten nämlich dieses Privileg neben dem Kloster Stuben auch noch die Ritter von Metzenhausen, die in der Burg als Amtmänner des Trierer Bischofs residierten, abwechselnd inne. So wurden diese den sogenannten Sauerwein aus schlechten Jahrgängen los.

 
 
erschienen in:
Rhein-Hunsrück-Kalender, Heimatjahrbuch des Rhein-Hunsrück-Kreises, 2002
 
 
 
 
 
Mittelalterliche Dorfkirmes
Literaturnachweise:
  Damitz, Karl von - Die Mosel
Mathar, Ludwig - Die Mosel
Ferdinand, Franz - Cuno von Falkenstein
Goerz, Adam - Regesten der Erzbischöfe zu Trier
Schorn, Carl - EIFLIA SACRA
Bildnachweise:
  Dörfliche Kirchweih - Jäckel, Günter - "Kaiser, Gott und Bauer"
im nächsten Kapitel: Über die Wolllust der Grafenfrau
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