[ Inhalt ] [ Chronologie ] [ Funde ] [ Glossar ] [ Führungen ] [ Gästebuch ] [ Quellen ] [ Links ] [ Impressum ]
"Deus lo vult ! (?)"
Der räuberische Vierte Kreuzzug
von Franz Josef Blümling
Wallfahrten nach den Orten des heiligen Landes waren von einzelnen Christen seit den frühen Zeiten gemacht worden. Und als die Kirche anfing, solche Wallfahrten als ein verdienstliches Werk anzusehen und sie zur Büßung schwerer Sünden den Christen aufzuerlegen, ging die Zahl in die Tausende.

Schon seit 650 stand Palästina unter mohamedanischer Herrschaft. Doch die Kalifen sahen die christlichen Pilgerzüge recht gerne in ihr Land einströmen, da sie Geld ins Land brachten. Das änderte sich, als 1070 türkische Seldschuken, ein wildes, glaubensfanatisches Volk, Jerusalem eroberten. Seitdem häuften sich die Nachrichten von Misshandlungen der Pilger und Beschimpfungen der christlichen Heiligtümer.

Der Gedanke eines Kreuzzuges zur Rettung der Stätten Jesu war geboren und wurde schließlich auch in die Tat umgesetzt. Der Aufruf von Papst Urban II. am 27.11.1095 auf der Synode in Clermont zur Befreiung des hl. Grabes fand ein begeistertes Echo und löste unter dem Kampfruf "Deus lo vult" (Gott will es) eine Massenbewegung gegen "diese Heiden" aus. "Sie haben die Länder der Christen mehr und mehr besetzt und diese siebenfältig besiegt, wobei viele getötet oder gefangengenommen wurden, Kirchen zerstört worden sind und das Reich Gottes verwüstet wurde. Wenn ihr sie weiter gewähren lasst, werden sie noch viel weiter die Oberhand über die Getreuen Gottes gewinnen." - so eine Aufzeichnung der Papst-Rede von Fulcher aus Chartres. Ein anderer Chronist, der Mönch Robert, lässt den Papst wesentlich härter an die Sache herangehen. Er unterstellt in seiner Wiedergabe der Rede den Muslims die allerscheußlichsten Greueltaten, die das Blut der Gläubigen in Wallung bringen mußten. Als auch noch allen Teilnehmern am Kreuzzug die sofortige Vergebung der Sünden versprochen wurde, war die Begeisterung in der Masse des Volkes geradezu grenzenlos geworden, da man das Ende der Welt erwartete. Das Letzte Gericht stand also unmittelbar bevor. War zuvor eine Wallfahrt nach Jerusalem, die das Sündenkonto entlastete, nur den Reichen und Privilegierten vergönnt, so stand plötzlich diese Möglichkeit jedem offen. Was gab es auch noch zu verlieren? Das irdische Jammertal erschien plötzlich überwindbar.

Papst Innozenz III. rief nun im August 1198 zum Vierten Kreuzzug auf. Schnell stellten sich waffengeübte Adelsmannen und erprobte Krieger zur Verfügung. Ihnen schloss sich eine Masse undiziplinierten Volkes, wie Gaukler, Kriminelle, ausgebrochene Häftlinge, Deserteure, Schinder, Henker, beutegierige Abenteurer und "luderliche Frauenzimmer" an. So bestand die Masse des Kreuzzuges mehr aus einer buntgemischte Horde als einem disziplinierten Heer.

Nach mancherlei Vorbereitungen begann der Aufbruch 1202 in Venedig. Unter der Führung des Grafen Balduin von Flandern wurden dort Transportschiffe für 4.500 Pferde weitere Schiffe für die Versorgung von 4.500 Rittern, 9.000 Knappen und 20.000 Fusssoldaten angemietet. Im Vertrag war der Proviant für die gesamte Mannschaft und das Futter für die Pferde für 9 Monate eingeschlossen. Die Kosten betrugen 85.000 Mark Silber.

Kavalkade von Kreuzrittern

Kreuzfahrerlied

In Gottes Namen fahren wir,
seiner Gnaden begehren wir.
Das helf uns die Gotteskraft
und das heilige Grab,
da Gott selber inne lag!
Kyrieleison!
Kyrieleis,
Christeleis!
Das helf uns der heil'ge Geist
und die wahre Gottesstimm',
dass wir fröhlich fahrn von hinn(en).
Kyrieleison!

Aus "Uhlands Volksliedern"

"Aber wir werden noch mehr tun. Wir werden aus Liebe zu Gott fünfzig Kriegsschiffe stellen, ohne dass es die Barone etwas kostet. Die Bedingung ist, dass während unseres Bündnisses das eroberte Land und das erbeutete Geld geteilt wird" - so das Angebot der Venezianer, auf das man einging. Durch diese Vorgabe war das Beutemachen von vornherein zur Musssache geworden, was den weiteren Verlauf des Kreuzzuges entsprechend auch prägte.

Der Markgraf Bonifaz von Montferrat und Balduin führten das Heer an. Auf der Fahrt wurde zuerst einmal die dalmatische Hafenstadt Zara genommen. Mit dieser befand sich Venedig im Streit. Ungeachtet dessen, dass der Papst einen Angriff verboten hatte, da doch die Bewohner Christen waren, wurde die Stadt mit Sturm genommen. 200.000 Mark Silber wurden vom Stadthalter erpresst.

Das Heer blieb über Winter in Zara. Immer mehr stellte sich heraus, dass Jerusalem nicht mehr unbedingt das Ziel der Anführer war. Darüber stritten diese und gerieten in völlige Uneinigkeit. Einige wollten in Ägypten einfallen. Man wusste, dass Kairo eine reiche Handelsstadt und schließlich auch islamisch war. Anderen, darunter auch die Deutschen Strategen, wollten das byzantinische Konstantinopel erobern. Diese griechische Stadt war Mittelpunkt des Handels zwischen dem Orient und dem Okzident. Auch war bekannt, dass Byzanz schwach regiert wurde und der politische Zustand desolat war. Und zudem sonderte sich die griechische Kirche immer mehr von der römischen ab, was dem Papst stark missfiel. Er hätte sie lieber wieder dem römischen Obdach unterstellt gesehen.

Als der Sinn und Zweck des Zuges plötzlich nicht mehr der Befreiung des hl. Landes galt, kehrten viele Kreuzfahrer in die Heimat zurück. Um die personelle Lücke zu schließen, musste Zara 10.000 Mann zum weiteren Zug zur Verfügung stellen.

Anfang Mai 1203 ankerte die Flotte vor Korfu. Man befand sich immer noch im heftigsten Streit. Noch immer war man sich nicht einig, wohin die Fahrt gehen soll. Schließlich einigte man sich auf Konstantinopel, das man am 5. Juli erreichte.

"Alle, die Konstantinopel noch nie gesehen hatten, starrten die Stadt an, weil sie nicht glauben konnten, dass es auf der Welt eine so reiche Stadt geben könne. Sie sahen die vielen Türme und hohen Mauern, welche die Stadt umgaben, die reichen Paläste und die hohen Kirchen. Diese Stadt war größer als alle anderen. Und wisst, dass keiner so beherzt war, daß er nicht am ganzen Leib gezittert hätte".

Die Kreuzfahrer besetzten ohne große Mühe die Küste und begannen die Belagerung. "Unsere Truppen waren froh und lobten Gott, den Herrn. Die Bewohner der Stadt hingegen waren betrübt. Die Kreuzfahrer übten nicht nur, überall nach Beute gierig forschend, Gewaltthätigkeiten jeder Art, erzwangen nicht nur durch Schläge und andere Mißhandlungen die Nachweisung und Auslieferung der verborgenen Schätze, beraubten nicht nur ohne Schonung die Überwundenen aller ihrer Habe, selbst der Kleidung; sondern verjagten auch aus den Häusern, in welchen sie ihre Herberge nahmen, die ausgeplünderten griechischen Eigenthümer oder Bewohner; jeder Widerspruch oder Widerstand, ja selbst jede Bitte um Schonung brachte die Plünderer zur furchtbarsten Wuth und hatte noch grausamere Misshandlungen zu Folge; und die Grafen und Barone des Pilgerheeres gewährten den Griechen, welche des Obdachs und ihres ganzen Besitzes beraubt waren, als eine Gnade nur die Erlaubnis zur Auswanderung. Die angesehenen Einwohner benutzten jedoch gern diese Erlaubnis, entfernten sich aus der Stadt, welche nichts als Gräuel der Verwüstung und Schrecknisse der Plünderung darbot, und ganze Scharen von Auswanderern, welche kaum die nöthige Kleidung, ihre Blöße zu bedecken, davon trugen, zogen aus dem goldenen Thore und den anderen Ausgängen der Stadt. Nur das geringe Volk blieb zurück, welches entweder nichts zu verlieren hatte oder auf die eine oder die andere Weise zu gewinnen hoffte. Ein freches Weib bestieg den Sitz des Patriarchen, erhob einen schreyenden Gesang und begann hierauf einen lüsternen und unanständigen Tanz. Andere Pilger führten in dem Heiligthume der Kirche muthwillege und unzüchtige Reden. Da die Kreuzfahrer manche erbeutete Kostbarkeit, aus Unkunde oder Leichtsinn, oder um den gewonnenen Raub der allgemeinen Theilung zu entziehen, für geringen Preis verschleuderten, so war dadurch dem Trödelverkehr und der gemeinen und niedrigen Gewinnsucht ein vortheilhafter Markt geöffnet. In der Sophienkirche wurde nicht nur der kostbare und wegen kunstvoller Zusammensetzung allgemein bewunderte Opfertisch zertrümmert, sondern auch von dem prächtigen Redestuhl das Silber, womit derselbe geschmückt war, abgerissen, und der auf solche Weise gewonnene Raub getheilt. Maultiere und Rosse wurden in diese herrliche Kirche geführt, um die geraubten heiligen Geräthe wegzuschleppen. Während die meisten Krieger in den Kirchen nach Gold, Silber und Edelsteinen forschten, waren fromme Pilger, und besonders die Geistlichen, welche das Pilgerheer begleiteten, damit beschäftigt, heilige Reliquien, deren eine große Zahl in den Kirchen von Constantinopel aufbewahrt wurden, sich anzueignen, um damit, wenn sie in ihre Heimath zurückkämen, ihre Kirchen zu schmücken und eine große Menge von Ueberbleibseln der Heiligen, zum Theile mit ihren kostbaren und künstlich gearbeiteten Behältnissen, wurden von den damaligen Pilgern aus Constantinopel in verschiedene Kirchen des Abendlandes gebracht." So weit nur auszugsweise die Widergabe von Wilken über die noch nicht einmal grässlichsten Greueltaten der Kreuzfahrer.

Der Kreuzzug wurde aufgegeben. Mit Schätzen beladen, zu denen auch bedeutende Reliquien gehörten, reisten die Überlebenden in die Heimat zurück. „In dem christlichen Kriegsheer waren viele edle Ritter aus dem Trierischen Erzstift, die hernach diesen heiligen Raub mit sich nacher Haus gebracht und damit die erzstiftlichen Trierischen Kirchen und Gotteshäuser reichlich beschenket,wie dan Henricus von Ulmen“.

Abt Godefrid von Springiersbach erhält für das Kloster Stuben die Reliquien aus der Hand von Ritter Heinrich aus Ulmen

Der Ritter kniet vorm greisen Abt
Und spricht: "Ehrwürdger Mann!
O wollet diese Kreuze hier
In Gnaden nehmen an.
Weit aus dem fernen Byzanz wohl,
Hol ich dies Kleinod her,
Als in der falschen Griechen-Stadt
drang ein das Kreuzesheer."
Der Abt nimmt tiefbewegt das Kreuz
Und sagt: "Vielen Dank mein Sohn.
Der Gott im Himmel segne Dich
Und gebe Dir reichlich Lohn!"

Und jener Ritter Heinrich bedachte das Kloster Stuben an der Mosel, wo seine Schwester Meisterin war, mit dem größten Kreuzpartikel des Abendlandes. Er ist in einem kostbaren Behältnis, das sich Staurothek nennt, eingefasst. „Das Kreuz allein macht jedoch noch nicht den ganzen Reichthum des Sanktuariums aus, sondern es hangen rechts und links von den Seiten des Kreuzes silberne Kapseln, hier fünf und dort fünf; eine jede hat als Deke ein künstlich gearbeitete Blättchen, in welches mit griechischen Buschstaben die Namen der hh. Reliquien eingegraben sind, wie auch Namen und Bildnisse von heiligen Engeln. In den fünf Kapseln links des Kreuzes befanden sich Reliquien von der Wiege Christi, von der Dornenkrone, von dem Schweißtuche Christi, von dem Schweißtuch der seligen Jungfrau und von ihrem Gürtel; auf der rechten Seite aber in den fünf Kapseln von der Leinwand, in die Christus gehüllt, von dem Purpurmantel, von dem Schwamme bei der Kreuzigung, von dem Gürtel der Gottesgebärerin, Haare des h. Johannes des Täufers. Diese heiligen Reliquien haben sehr bald zahlreiche Wallfahrer von nahe und ferne angezogen, die niemals unterlassen haben, der Klosterkirche ihre Opfergaben zu bringen“. Das Kloster Stuben erhielt das Ablassprivileg und wurde Wallfahrtsort. Zu den Pilgern gehörten auch Kaiser Maximilian und der große Kurfürst Balduin. Und der Chronist Caesarius von Heisterbach weiss über gar erstaunliche Wunder zu berichten, die um die Reliquien geschahen.

und seine Auswirkung auf das Kloster Stuben an der Mosel
 
erschienen in:
Rhein-Hunsrück-Kalender, Heimatjahrbuch des Rhein-Hunsrück-Kreises, 2001
 
 
 
 
Staurothek -Deckelansicht-
 
Staurothek -Innenansicht-
früheres Reliquiar des Klosters Stuben - heute Mittelpunkt des Limburger Domschatzes
 
 
 
 
 
 
 
 
Literaturnachweise:
  Antz, August - Rheinlands Heldensage
Dittmar, G. - Geschichte des Deutschen Volkes
Milger, Peter - Die Kreuzzüge - Krieg im Namen Gottes
Procolind, Antacido - Die Kreuzzüge
Marx, J. - Geschichte des Erzstifts Trier, II. Abtheilung
Diözesan-Museum Limburg - STAUROTHEK
Wilken, Friedrich Dr. - Geschichte der Kreuzzüge
Bildnachweise:
  Kavalkade von Kreuzrittern - Riley-Smith, J. - The Kings of St. John in Jerusalem und Cyprus
Übergabe der Reliquie aus der Postkartenserie der Kunstanstalt Fritz Gutmann, Coblenz
Staurothek H.von Ulmen u.der Vierte Kreuzzug, Facharbeit am M.-v.Cochem-Gymnasium
im nächsten Kapitel: Die Stubener Staurothek
[ Inhalt ] [ Chronologie ] [ Funde ] [ Glossar ] [ Führungen ] [ Gästebuch ] [ Quellen ] [ Links ] [ Impressum ]
Designed by MoselWeb.de - Rainer Pellenz