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Neef in den Kriegsjahren 1914 bis 1918 von Franz Josef Blümling
Aufbruch und EuphorieEin Sturm der Entrüstung durchfuhr die ganze Welt bei der Nachricht von der Ermordung des österreichischen Erzherzoges Ferdinand und seiner Gemahlin am 28. Juni 1918. Das darf nicht ungesühnt bleiben, das war die Meinung des gewöhnlichen Mannes aus dem Volke. Allenthalben ahnte man aber auch, dass damit ein Weltkrieg in gefährliche Nähe gerückt war. Und als Serbien alle Genugtuung verweigerte, da war es zur Gewissheit geworden: Der Weltkrieg ist unvermeidbar, denn hinter Serbien stand Russland mit England und Frankreich, und Deutschland wollte unbedingtseinem Bundesgenossen Österreich die Treue halten.

Mit großer Sorge verfolgten die Menschen die politische Entwicklung. Da läuteten am 1. August 1914 um 18 Uhr auch in Neef die Glocken. Der Ortsdiener raste mit seiner Schelle durch Neef und verkündete mit zitternder aber lautstarker Stimme: „Die Mobilmachung ist befohlen!“ Schrecken und Bangen verbreitete sich. Aber es gab auch begeisterte Zustimmung für einen Krieg. Besonders die jungen Leute sahen einen solchen, speziell mit dem Erzfeind Frankreich, als eine Lappalie an. So hoch stuften sie die Wehrkraft Deutschlands ein, und für so schwach hielten sie die Armee der Franzosen.

„Ausflug nach Paris“,
„Auf in den Kampf – mir juckt die Säbelspitze“,
„Auf Wiedersehen auf dem Boulevard“

Schon das kommende Weihnachtsfest wollte man wieder zu Hause im trauten Familienkreis feiern.Vielerorts, so auch in Neef, gingen die einberufenen Soldaten, bevor sie von ihrer Heimat Abschied nahmen, gemeinsam zur heiligen Messe, um sich mit den heiligen Sakramenten für die bevorstehende schwere Zeit zu stärken. Am Bahnsteig gab es dann herzzerreißende Abschiedsszenen. Noch einmal ein letztes Händeschütteln, Umarmung, Tränen und dann fort von der Familie, von der Braut, der Freundin, von Freunden und Bekannten – „mit Gott für Kaiser und Reich!“

Gleich zu Anfang des Krieges wurden Lehrpersonen dazu angehalten, in einem Tagebuch die laufende Entwicklung des Krieges festzuhalten. Es sollte nicht versäumt werden, einen ruhmreichen Feldzug in Einzelheiten zu erfassen, damit er der Nachwelt in steter Erinnerung bleibt. Dies übernahmen oft weibliche Lehrpersonen, da ihre männlichen Kollegen an der Front benötigt wurden. Aus der Überlieferung der Neefer Lehrerin Antonie Koch ist ihre patriotische Einstellung zu dem Krieg deutlich erkennbar – womit sie ja nicht alleine stand. Sie war mit 24 Jahren eine recht junge Lehrerin:

„Geht’s los? Gibt’s Krieg? Das war die lange tägliche, stets wiederkehrende Frage, als im Endviertel des schwülen Julimonates 1914 der politische Horizont sich immer mehr verfinsterte, denn viele Anzeichen deuteten sie auf kommende große Ereignisse, auf eine baldige Antwort auf die Frage. Bereits 8 Tage vor Kriegsausbruch wurden die Wachen an Tunnels und Brücken verdoppelt, ein Zeichen, dass die Lage sehr ernst war.

Am 30. Juli 1914 trafen in Coblenz viele Soldaten zur Bahnbewachung ein. Diese blieben jedoch nur einige Tage. Der Bahnverkehr war in dieser Zeit besonders nachts sehr rege.

Am 31. Juli wurde der Belagerungszustand verhängt. An diesem Abend mussten schon zwei Mann von Neef dem Ruf ihres obersten Kriegsherrn folgen und zu den Fahnen eilen. Es waren Carl Joseph Kreuter, Sohn von Nicolaus und Karl Kreuter. Die ganze Gemeinde begleitete die jungen Leute zum Bahnhof. Als der Zug kam, wurde das Lied gesungen:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall
Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein,
Wer will des Stromes Hüter sein?
Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein!

Darauf zogen Alt und Jung durch den Ort unter Absingen des Liedes:

O Deutschland hoch in Ehren,
Du heil’ges Land der Treu,
Stets leuchte deines Ruhmes Glanz
In Ost und West aufs neu!
Du stehst wie deine Berge fest
Gen Feindes Macht und Trug,
Und wie des Adlers Flug vom Nest
geht deines Geistes Flug.

Lange noch standen die Leute in Gruppen auf den Straßen und unterhielten sich über kommende Ereignisse.

Die folgenden Tage verbrachten alle in gespannter Erwartung. Einige ganz kluge ängstliche Leute fingen an, Vorräte einzuhamstern. So besonders Salz; Sie versuchten ihr Papiergeld gegen Metall, besonders Goldgeld, umzutauschen. Gegen 6 Uhr am 1. August kam die Mobilmachungsorder. Sie löste bei den Männern eine frische, mutige Begeisterung, bei vielen Frauen Tränen aus. Galt es doch bei vielen sich vom Gatten, vom Verlobten, vom Bruder zu trennen, vielleicht für immer. Sofort wurden von der Gemeindebehörde an den Straßenkreuzungen und belebten Verkehrsstellen Sperren errichtet, Wachen hingestellt. Zu Dutzenden melden sich die Männer des Dorfes. In ihren Alltagskleidern mit einem Gewehr bewaffnet tun sie ihre Pflicht. Überall wittert man Spionagegefahr. Darum strenge Kontrolle, Automobile rasen, Fahrräder sausen. Anhalten - Einblick in den Ausweispass und der gleichen - Weiterfahrt. Patrouillen mit umgehängten Gewehren halten Verbindung. Ernst ihr Gesicht, ganz erfüllt von der schweren Verantwortung, die auf jedem lastet, - das ist das ständige Bild. Nachts wurden im Bahnhofvorraum die Kriegsfahrpläne angeschlagen. In derselben Nacht wurde durch den Ortsdiener das Landsturmaufgebot bekannt gemacht. Nun Aufregung - neuer Trennungsschmerz. 4 Mann, darunter Lehrer Görg, mussten morgens früh zur Fahne eilen.

Früh am 2. August begannen die Militärtransporte, meistens Artillerie. Dazwischen fuhren die fahrplanmäßigen Züge. Die vorüberfahrenden Soldaten wurden von den Einwohnern hier und an allen Orten der Mosel mit großer Begeisterung begrüßt. Von Neef wurde eine größere Anzahl Reservisten und Landwehrleute einberufen. Zum Schutz der Bahn wurden 28 Mann Landsturmleute in Neef einquartiert. Den ganzen Tag dauerten die Transporte an und fast die ganze Bevölkerung hielt sich an der Bahn auf.

Auch am 3. mussten unsere Landwehrleute fort. Allmählich machte sich eine allgemeine Aufregung unter den Leuten bemerkbar. Einzelne ängstliche Gemüter glaubten, die Franzosen kämen bald. Die Krämer wollten kein Papiergeld mehr annehmen. Sie wurden jedoch bald durch eine Verordnung des Generalkommandos eines Besseren belehrt. Die Schulen wurden auf unbestimmte Zeit geschlossen zur Durchführung der Erntearbeiten. Es fuhren die letzten Personenzüge. Von da ab verkehrten 10 Tage nur Militärzüge. Die Truppen wurden in Bullay verpflegt. Es meldeten sich aus Neef 18 Mädchen als freiwillige Helfer. Sie gingen täglich dorthin und nahmen Obst, Wein, Eier, Zigarren etc. mit. Eine Sammlung unter der hiesigen Bevölkerung brachte ein reiches Ergebnis sowohl an Lebensmitteln als auch an Leinen und Geld. Die Ernte wurde gut eingebracht. Die Zurückgebliebenen halfen den Familien der eingezogenen Kämpfer das Korn machen und heimholen.“

Es setzte ein Sturm auf die Lebensmittelläden ein. Salz und Zucker waren die begehrtesten Artikel, sodass sie bald ausverkauft waren.

„Am 7. August kamen die ersten Kriegsgefangenen vorbei. Es waren Franzosen. Da man Fliegerangriffe befürchtete, traf am 9. August eine Maschinengewehrabteilung zur Fliegerabwehr (2 Unteroffiziere, 17 Mann und 2 Maschinengewehre) hier ein. Sie wurden auf dem Petersberg aufgestellt. Die Kapelle wurde als Wachlokal benutzt.

Am 12. August rückte die Abteilung wieder ab. Dafür wurde die Bahnwache um 4 Mann verstärkt. Bald kamen die ersten Züge mit Verwundeten. Auch fuhren Verwundete moselabwärts. Die Neefer fuhren mit Erfrischungen an die Schiffe und teilten dort Liebesgaben aus.

Am 12. August begann der Schulunterricht wieder: Die Lehrerin unterrichtete die 3 Klassen. Es hatte so jede Klasse zwei Stunden jeden Tag.


Josef Boos wurde am 2.8. gezogen und fiel bereits am 21.8. Er war der erste Soldat aus Neef, der an der Front gefallen war und sollte nicht der letzte sein. Der „Heldentot“ eines einzelnen Kriegers wurde erst noch in Zeitungen mit einem rühmlichen Nachwort veröffentlicht. Später, als sich die Zahlt der Gefallenen drastisch vermehrte, unterblieben solche Anzeigen – ja, sie wurden sogar amtlich verboten. Das Volk sollte nicht abgeschreckt / verängstigt werden – und weiterhin an den Sieg glauben.


Allmählich wurde der Personenverkehr auf der Bahn wieder aufgenommen. Doch fuhr anfangs nur morgens und abends je ein Zug. Nach den ersten Siegen unserer Truppen hob sich die Stimmung der Leute wieder, doch gab es noch immer viele kleingläubige Gemüter, die an einen Sieg Deutschlands nicht glauben wollten.

Am 23. September begannen die Herbstferien und zwar wegen der dringenden Arbeit 5 Tage früher. Die Weinlese war früh. Da noch Arbeitsleute genug vorhanden waren, gingen die Arbeiten rasch von der Hand. Die Kriegerfrauen halfen den Zurückgebliebenen. Nach den Herbstferien wurde als Vertreter für Herrn Görg als Schulamtsbewerber Herr Alfons Arenz ernannt. Er wurde aber schon Anfang Dezember nach Lohren versetzt. Nunmehr übernahm Herr Lehrer Nikolai aus Bremm den Unterricht der Knabenklasse, während die Unterklasse der Lehrerin verblieb. Die Knaben hatten 4-mal nachmittags Unterricht und Mittwochmorgen. Der Unterricht in der Mädchen- und Unterklasse blieb unverändert. In den Schulen wurde eifrig für die Krieger gestrickt, warme Decken angefertigt und Liebesgaben gesammelt.“

Der Krieg hatte mittlerweile an Heftigkeit zugenommen. Die Stahlwerke kamen kaum nach mit der Fabrikation von Kriegsmaterial. Auch fehlte es ihnen an Vorräten. So wandte man sich an die einzelnen Kirchen im Lande und forderte sie auf, einen verzichtbaren Teil ihrer Glocken abzugeben. Dazu schrieb der Kirchenvorstand von Neef am 4. November 1915 an das bischöfliche Generalvikariat Trier, dass man gerne bereit ist, eine Glocke gegen Vergütung abzugeben; sie boten eine Glocke an, die 135 Kilogramm wiegt. Es zeichnete Pfarrer Manderfeld.

„Nach Weihnachten brachen die Masern unter den Kindern aus. Da fast nur Kinder der Unterklasse krank waren, konnte der Unterricht weitergeführt werden. Da sich infolge ständiger Einberufung der Mangel an Arbeitskräften recht fühlbar machte, konnte die Gemeinde in diesem Jahre kein Holz schlagen lassen. Nur das notwendigste Brennholz wurde gehauen. Infolgedessen konnten die Gemeindeausgaben nicht wie alljährlich aus dem Holzverkauf bestritten werden, dadurch erwuchsen der Gemeinde Neef durch den Krieg bedeutende Unkosten. Die Gemeinde hatte die Kosten für Einquartierungen von Soldaten zu tragen, das Wachlokal zur Verfügung zu stellen und auch für die Beheizung desselben zu sorgen. Die Folge dieser außerordentlichen Leistungen der Gemeinde war, dass beschlossen wurde für das Jahr 1915 Gemeindeumlagen einzuführen und zwar 100%.

Ende Januar 1916 wurde das 21. Armeekorps nach Russland transportiert. Es stand bis dahin im Westen (Frankreich). Da fast alle Neefer diesem angehörten, gaben die Angehörigen Tag und Nacht Acht. Manche Leute gingen nach Bullay und Cochem um Pakete in den Zug zu reichen. Erschütternde Szenen spielten sich ab, wenn die Angehörigen ihren Lieben nur kurz begrüßen durften oder wenn der Zug die tapferen Streiter an der geliebten schönen Heimat vorbei führte, kaum zulassend den harrenden Frauen einen Gruß zu zuwinken. Aber auch der heftigste Heimwehschmerz musste der eisernen Pflicht weichen. Auch das sind Kriegsopfer, zu deren Ertragen Willensstärke und Vaterlandsliebe gehört.“

In Neef zeichnete die Lehrerin Antonie Koch im Protokollbuch der Ortsgemeinde den Verlauf des Ersten Weltkrieges und seine Auswirkungen auf die Bevölkerung sehr anschaulich auf. Insbesondere die lokalen Details führen uns drastisch vor Augen, wie sehr die Menschen leiden mussten, auch wenn sie in die unmittelbaren Kriegshandlungen nicht einbezogen waren. Hier nun die Fortsetzung der Aufzeichnungen ab 1916.

Ernüchterung und Niederlage

„Wegen der dringenden Arbeiten wurden die Kinder schon am 1. März 1916 entlassen. Im Laufe des Sommers wurde die Oberklasse 3 Wochen beurlaubt. Den Herbst nahmen sich viele Leute einen gefangenen Russen als Arbeitshilfe. Die Weinernte fiel günstig aus. Man rechnete bis Herbst. Die Trauben kosteten 16-15 Mark pro Zentner. Manche Leute hatten für ihren Russen auch im Winter Beschäftigung. Die anderen gaben sie an die Gemeinde ab, welche die Gefangenen zum Holzhauen verwendete. Nach Abschluss der Holzhauerarbeiten wurden die Russen beim Wegebau beschäftigt und verlieh sie dann einem Unternehmer in Bullay. Das Russenlager befand sich im Saal beim Gastwirt und Metzger Wilhelm Schmitz.

Um mit den Getreidevorräten zu sparen und ein Durchhalten bis zur nächsten Ernte zu ermöglichen, wurden hier wie auch Allerorts Brot- und Lebensmittelkarten eingeführt. Pro Person standen 250 Gramm Brot für den Tag zu. Nur schwer konnten sich die Leute an die so notwendige zum Durchhalten unerlässliche Steuerung fügen. Trotzdem wurden die Lebensmittel allmählich immer knapper, so dass die ständige Einquartierung eine schwere Last für die Einwohner Neefs bedeutete. Die Gemeindekasse zahlte zu den Verpflegungskosten keinen Zuschuss mehr, dagegen wurden diese von der Militärbehörde auf 1,50 Mark erhöht. Im Laufe der Zeit kamen Neefer Landsturmleute [nicht eingezogene wahrfähige Männer] auf die Wache, so dass die Last nicht mehr so groß war.

Neben dem Lebensmittelmangel machte sich auch bald Petroleummangel bemerkbar. Eine Folge der unterbrochenen Handelswege mit Amerika und Russland. Da Neef weder Gas noch elektrisches Licht hat, ist es auf Petroleumbeleuchtung angewiesen. So war damals in Folge des Erdölmangels die Beleuchtung recht spärlich. Infolgedessen gingen die Leute nun eine Zeitlang sehr früh schlafen. Kerzen waren zu teuer, und leuchteten auch sehr schlecht. Die Beleuchtungsverhältnisse zu bessern wurden Karbid- und Spirituslampen eingeführt. Mit ersteren wussten die Leute anfangs nicht recht umzugehen, so dass öfters Explosionen erfolgten. Nach und nach gewöhnte man sich jedoch auch an diese Art der Beleuchtung. Aber dennoch bedeutete sie keinen Ersatz für eine Petroleumlampe mit ihrem trauten Schein. Wenn in den Läden Petroleum alle Monate einmal zu kaufen war, standen die Leute Schlange. Jedoch nicht immer brachte das Anstehen den gewünschten Erfolg. Allzu schnell war die begehrte Ware vergriffen.

Eine große Überraschung für die Winzer bildete das unvermutete Steigen der Weinpreise. Während im Dezember 1915 und Anfang Januar 1916 400-450 Mark für das Fuder gezahlt wurden, stieg Mitte Januar, als die Bierfabrikation herabgesetzt wurde, der Preis des Weins um ganze 100 Mark. Ja man konnte jede 14 Tage eine Steigung des Preises um etwa 100 Mark feststellen. Die große Nachfrage brachte den Preis auf 1200 Mark dann 1500 Mark bis schließlich über 2000 Mark. Ein noch nie dagewesener Preis! Der Wein wurde von der Militärbehörde aufgekauft zum Zwecke der Alkoholgewinnung für die Wundbehandlung. Der Wein wurde nach Bullay gefahren und dort in Tanks ausgeleert. Durch die Verschiedenheit der Weinpreise entstanden vielfach Keilereien. Diejenigen, die zuerst, also billiger verkauft hatten, gönnten den andern den Vorteil nicht, und man erging sich in kleinlichen Streitigkeiten.

Im Februar kehrte Herr Lehrer Görg, der inzwischen kriegsunfähig war, zurück, und nun wurde der Unterricht in der früheren Ordnung angefangen. Zur besseren Durchführung des dreiklassigen Schulsystems mit zwei Lehrkräften wurde an der hiesigen Schule vom 10. Mai 1916 Halbtagsunterricht eingeführt.

Im Frühjahr wurden die Kartoffeln beschlagnahmt. Viele Leute hatten ihren Bestand höher eingeschätzt als er in Wirklichkeit war. Als sie nun nachher abliefern sollten, stellte sich heraus, dass manchen noch der Bedarf für den eigenen Haushalt fehlte.

Es konnte auch kein Korn abgeliefert werden, da das selbstgezogene Getreide für den eigenen Bedarf nicht ausreichte. Mit dem 1. April 1916 legte der bisherige Gemeindevorsteher Zimmer sein Amt nieder. Er war den Anforderungen, die der Krieg an das Amt stellte, nicht mehr gewachsen. Es hielt schwer einen Nachfolger zu finden. Die älteren Leute, denen man das Amt anbot, lehnten es ab, wegen der vielen Arbeit. Schließlich wählte man den Winzer Franz Kreuter. Dieser war kriegsunfähig entlassen und nahm das Ehrenamt an.

Im Laufe des Winters schlachteten viele Winzer, wie sie es gewohnt waren, ihre Kühe. Das Vieh war aber inzwischen so teuer geworden, dass mancher sich keine Ersatzkuh anschaffen konnte. Infolgedessen herrschte bald Knappheit an Butter und Milch. Sonst kamen immer Bauern vom Hunsrück und aus der Eifel, die Butter und Eier brachten. Diese blieben nun aus oder verkauften nur zu ganz hohen Preisen. Um wenigstens etwas Butter zu erhalten, gingen viele selbst auf die Höhen um sich über Land Butter und Eier holen. Gar bald hatte man für derartiges oft unsinniges Zusammentragen von Lebensmitteln das treffende Wort ‚hamstern‘ erdacht. Ganze Trupps gingen so nach Beuren, Urschmitt und Klidding. Der Höchstpreis der Butter betrug zuerst 180 Mark, später 410 Mark. Jedoch wurde fast immer die Ware mit Wein bezahlt.

Im Allgemeinen hat die Bevölkerung noch nicht viel unter dem Kriege gelitten. Wenn auch einzelne Kolonialwaren knapp geworden sind, so können sich die Leute dadurch mit andern Sachen helfen und Ersatz schaffen. So wurde zu Nikolaustag und zu Weihnachten noch fast in den meisten Häusern gebacken.

Dass noch ein gediegener Wohlstand unter Neefs Bürgern herrscht, zeigen uns die Ergebnisse der Zeichnungen von Kriegsanleihen bei der hiesigen Spar- und Darlehenskasse. Allein dort wurden für 282.800 Mark Kriegsanleihen gezeichnet. Dazu kommen noch höhere Summen, die bei andern Kassen gezeichnet wurden.

Gewiss ein schönes Ergebnis; das noch von unserer vaterländischen Gesinnung Zeugnis gibt. Im Laufe des Sommers nun wurde der einzige Metzger von Neef eingezogen. Nunmehr müssen sich die Leute ihr Fleisch aus Bullay oder Alf oder Aldegund holen gehen. Das ist sehr zeitraubend, und wer nicht ganz früh da ist, bekommt meistens nichts.

Am bittersten machte sich der Fett- und Öl- Mangel bemerkbar. Durch trübe Erfahrungen im Vorjahr belehrt, hatten sich manche Leute Raps oder Kohl gezogen. Es waren dies nur einzelne Familien. Jedoch wurde in diesem Herbste mehr Raps eingesät.

Im Sommer 1916 machten die Wildschweine großen Schaden. Es wurden mehrere PolizeiWildsauen- Jagden abgehalten, die jedoch zu keinem Ergebnis führten. Schließlich wurde nachts regelmäßiger Wachdienst eingeführt. Zwei Kolonnen durchstreichten das angebaute Land auf dem ‚Mittel Berg‘ und versuchten mit Klappern und Rufen das Wild zu verscheuchen. Die Frauen, deren Männer im Kriege waren, brauchten nicht zu gehen. Auch konnte sich jeder einen Ersatzmann stellen.

Die Herbstferien begannen am 15. September und zwar so früh, weil Herr Görg sich am 18. September 16 wieder in Kreuznach stellen musste. Vom 1. November ab wurde dem in Moritzheim angestellten Lehrer Friedrich Hermes die Vertretung der Lehrerstelle in Neef übertragen.

Infolge des nasskalten Wetters machte die Traubenreife nur sehr geringe Fortschritte. Um die Beeren noch etwas in Saft kommen zu lassen, wollte man sie etwas länger hängen lassen. Da setzte Ausgangs Oktober heftiger Nachtfrost ein, so dass die meisten Trauben unter dem Frost litten, rot wurden und teilweise abfielen. Die geringe Quantität ergab teilweise einen rechten ‚Kurius‘ der weit hinter dem vorzüglichen 15er zurückstand. Das schlimmste war nun, dass der Zucker zur Zuckerung fehlte. Erst im Januar 1917 kam die zugeteilte Zuckermenge von etwa 120 Pfund pro Fuder. Alles dies, Erfrieren der Trauben, späte Zuckerung, trugen nicht zur Verbesserung des Mostes bei und doch wurden schon bis zu 2000 Mark für das Fuder geboten und nicht verkauft, da man auf die Erfahrungen mit dem 15er bauend ein weiteres Steigen des Preises erhofft.

Um die heimischen Ölfrüchte voll ausnutzen zu können, verfügte die Königliche Regierung zu Coblenz, dass die Schulen Buchecker sammeln sollten. Sieben Mal waren die Kinder unter Aufsicht der Lehrpersonen Bucheln raffen, die in kleine mitgenommene Säckchen gelesen wurden. Die hiesige Schule sammelte 5 Zentner. Für das Pfund Bucheckern erhielten die Kinder 25 Pfennig. Es wurden aus 10 Pfund getrockneter Bucheln 1 l Öl geschlagen. Die gesammelten Ölfrüchte wurden an die Fettverwertungsgenossenschaft gesandt.

Am 13. Dezember 1916 wurde die Fortbildungsschule, die während des Krieges infolge Lehrermangels geschlossen war, wieder geöffnet. Schulleiter war Lehrer Hermes. Die Schülerzahl betrug 36 Knaben im Alter von 14 bis 18 Jahren.

Unser langjähriger Seelsorger Herr Pastor Manderfeld, der schon längere Zeit leidend ist, wurde seit 19. Dezember 1916 so ernstlich krank, dass er keinen Dienst mehr tun konnte. Die Verwaltung der Pfarrei wurde dem Herrn Pastor aus dem Kloster in Alf übertragen. Bis auf weiteres haben wir nur sonntags hl. Messe.

Während es noch zu Anfang des neuen Jahres schien als sollte der Winter wieder wie die letzten Jahre aus Regen und Regen bestehen, setzte doch Mitte Januar ein heftiges Sturmtreiben ein, so dass uns hier unten an der Mosel der lange Zeit entbehrte Genuss einer herrlichen Schneelandschaft geboten war. Eine plötzlich einsetzende Kälte ließ die Schneedecke frieren und bestehen bleiben. Bis heute, dem 10. Februar 1917, liegt der Schnee noch. Inzwischen sank das Thermometer immer mehr und eine grimmige Kälte trat ein. An einzelnen Tagen waren es 16 - 18 Minus. Die Folge davon ist, dass sich bald mächtige Eisschollen zeigten.

Das bis dahin bestehende Hochwasser ging zurück und ein breiter Saumes Rand bildete sich an beiden Ufern. Die Kinder tummeln sich vergnügt auf dem Eise - ein Vergnügen, das sie lange Zeit entbehren mussten.

Ein Missstand darf nicht vergessen werden: Ledermangel und das Zerreißen der Schuhe. Für Leder ist kaum Ersatz zu schaffen, da fast kein Leder mehr zu erhalten ist. Die Sohlen bestehen aus Lederstückchen und Lederabfällen, die häufig zusammengeleimt sind. Ein Paar Kinderschuhe, die über einen Bezugsschein erhältlich sind, kosten 15-18 Mark. Schuhe für Erwachsene bis zu 30 Mark. Ein Paar Sohlen mit Klack [Schuhnägel] 7,50 Mark.

Das Schlimmste was dieser Winter zulegte, ist der Kohlenmangel. Viele Züge mussten ausfallen. Die wenigen Züge, die noch verkehren, haben oft mehrere Stunden Verspätung. Der Güterverkehr ist auf das geringste Maß reduziert. So können auch nicht genug Kohlen herangefahren werden. Um Kohlen zu sparen, heizten wir nur einen Schulsaal, in dem nacheinander die 3 Klassen unterrichtet werden. Für ein Meter Holz werden bei einer Versteigerung bis zu 21 Mark gezahlt, was man sich nicht leisten kann. Damit nun die noch vorhandenen Kohlen gespart werden konnten, wurden seitens des Landrates sämtliche Schulen des Kreises vom 9. Februar 1917 auf 10 Tage geschlossen.“

Große innerstaatliche Unruhen hatten Russland geschwächt. Die russische Regierung war schließlich bereit, mit Deutschland einen Friedensvertrag abzuschließen, der am 3. März 1917 unterzeichnet wurde. Er sah große territoriale Gewinne für Deutschland vor, zu denen das Baltikum, Finnland, Polen und die Ukraine gehörten. Allerdings bedeutete dieser Vertrag auch einen strategischen Nachteil. Um diese Länder zusätzlich zu besetzen und halten zu können, mussten sich deutsche Truppen dorthin verlagern – und das zu einer Zeit, in der immer mehr amerikanischen Truppen in Frankreich landeten.

Der Minister für Geistige- und Unterrichts- Angelegenheiten in Berlin gab am 4. April 1917 die Mitteilung, dass bei öffentlichen und privaten Bauwerken Beschlagnahmen vorzunehmen waren: Blitzschutzanlagen und die zur Bedachung verwendeten Kupfermengen einschließlich kupferner Dachrinnen, Abfangrohre, Fenster- und Gesims-Abdeckungen. Entsprechende Maßnahmen hatte auch die Kirchengemeinde Neef zu treffen. Unter anderem wurden auch die Glocken konfisziert, weil man Stahl dringend für Kriegsmaterial benötigte.

„Den Wildsauen ging man tüchtig zu Leibe. An einigen Tagen wurden auf der nahen Hiecht [Flurname: Höhe] 8 Stück erlegt. Davon allein zwei von Herrn Reitlehrer Krentz. Derselbe Herr erlegte auch im Sommer 1917 unsere Sauen. Seit 1. Juni 1917 hat Lehrer Klein aus Aldegund die Vertretung an der Klasse I a übernommen, da Lehrer Hermes seine Stelle in Moritzheim wieder erhielt.“

Die Preise für Lebensmittel stiegen teilweise auf das Doppelte oder gar Dreifache. Die Blockade der feindlichen Staaten schnitt Deutschland von fast allen seinen Zufuhrländern ab, sodass sich mit der Zeit in allen Dingen des täglichen Lebens ein empfindlicher Mangel bemerkbar machte. Die Regierung sah sich gezwungen, sämtliche Lebensmittel und Gegenstände des täglichen Bedarfs zu beschlagnahmen und zu rationieren.

Auf den Kopf der Bevölkerung wurde eine bestimmte Menge jeder Ware zugebilligt und der Verkauf erfolgte nur gegen Vorlage eines entsprechenden Bezugsscheines.

„Der Schuh- und Ledermangel macht sich in so scharfer Weise fühlbar, dass im Sommer viele Kinder barfuß gehen. Der Gebrauch von Holzschuhen wird empfohlen. Im Turnunterricht muss die schlechte Beschaffenheit des Schuhzeugs berücksichtigt werden.

Die Weinpreise sind ins Fabelhafte gestiegen. Sie stehen im Juni bei etwa 2000 Mark das Fuder - leider nur hie und da. Wohl dem Winzer, der noch Wein auf Lager hat!

Noch auffallender sind die augenblicklichen Kohlenpreise. Das tausend Packen stellte sich auf etwa 320 Mark, so dass jetzt die Packen so viel kosten wie vor 1 Jahren für ein Fuder Wein.

Die Schulen werden dringendst angewiesen, Kornähren, Brennnesseln, Weißdornfrüchte, Nüsse und Obstkerne zu sammeln [woraus dann Speise-Öl und Tee hergestellt wurde - zur Versorgung des Volkes in der Heimat und auch für die Soldaten an der Front].

Mit dem Ausgang der Weinlese sind die Winzer sehr zufrieden. Die Weinberge liefern nicht nur recht gute Trauben. Die Traubenpreise stiegen bis zu 120 Mark für den Zentner. Die 1000 Liter Most kosteten bis zu 3200 Mark. Neuer Wein wird verkauft gleich nach dem ersten Ab- stich im Preise von 4000 Mark.

Infolge plötzlich eingetretenen Tauwetters stieg die Mosel am 17. Januar 1918 ungemein rasch und so hoch, dass alle Häuser der Moselstraße unter Wasser standen. Der Wasserstand blieb um nur 60 cm hinter dem von 1887 zurück.

Dem Kreis fehlt Geld. Am 21. Mai 1918 hatte er zur Versorgung der Bevölkerung mit Brot 2700 Doppelzentner Korn aufzubringen, was er nicht konnte. Es finden darum bei allen landwirtschaftlichen Betrieben Kontrollen der Getreide-Bestände statt. Leider stellt sich dabei heraus, dass eine ganze Menge Getreide auf dem Wege des Schleichhandels heimlich beiseite geschafft worden ist.“

Mit dieser Eintragung im Tagebuch enden die Aufzeichnungen. Je aussichtsloser die Lage an der Front wurde, umso spärlicher wurden die Eintragungen von Lehrerin Koch. Ihre anfängliche patriotische Einstellung zu dem Krieg schwenkte über zur Realität und Ernüchterung. Als sich die alliierten Kräfte an der Westfront immer stärker ausbreiteten, wollten sie schließlich die Entscheidung. Mit der Schlacht an der Sambre startete das Britische Expeditionskorps die letzte Offensive des Krieges. Sie begann am 4. November 1918. Die Truppen kamen ohne Schwierigkeiten voran. Am 10. November kamen kanadische Truppen zur Verstärkung hinzu. Die deutsche Front brach zusammen.

Am 11. November kapitulierte Deutschland. 40 Staaten waren am Krieg direkt oder indirekt beteiligt. Die geschätzte Zahl der Todesopfer schwankt zwischen 15 und 20 Millionen. Unzählige Soldaten wurden durch die schrecklichen Kriegserlebnisse traumatisiert. Sie wurden zu sogenannten Kriegszitterern, zu Neurotikern oder sogar ganz irrsinnig. Es war der folgenschwerste Krieg, den es bisher gab.

In Neef, das damals circa 800 Einwohner zählte, waren am Ende des Krieges 21 Soldaten an der Front gefallen. Eine große Zahl verstarb in der Heimat an den Spätfolgen des Fronteinsatzes oder war durch psychische Erkrankungen ihr Leben lang gezeichnet. Zudem wurden drei Krieger als vermisst gemeldet. Sie fanden ihr Grab irgendwo in Russland, Frankreich, Belgien, Rumänien, Serbien, in der Wüste von Afrika, in den Bergen des Kaukasus, in den Schluchten der Karpaten, in der Tiefe des Atlantiks, oder sonst irgendwo.

Gefallene Neefer Soldaten und Vermisste im Ersten Weltkrieg:

Gefallen 1914: Boos, Josef; Kockers, Aloys; Kreuter, Josef; Kirch, Lambert Gefallen 1915: Buschbaum, Josef; Kreuter, Karl Gefallen 1916: Braun, Franz Gefallen 1917: Bergen, Alois; Bergen, Karl; Bremm, Josef; Henrichs, Friedrich Müllen, Mathias; Schilken, Peter Gefallen 1918: Arenz, Peter; Braun, Peter; Gietzen, Albert; Hennes, Franz; Kirch, Alois; Kaufmann, Karl; Schinnen, Heinrich; Gietzen, Michel Vermisst: Boos, Peter; Zimmer, Nikolaus

Nicht der tüchtige, sondern der glückliche Soldat kam wieder in die Heimat. So auch der Vater des Autors. Eine Urkunde, die jeder Heimkehrer erhielt, enthielt folgenden Dankesspruch:

„Josef Blümling war Mitkämpfer im Ringen für des Reiches Bestand und des deutschen Volkes Ehre und Ruhm in den Jahren des großen Krieges 1914 – 1918. Er folgte seines obersten Kriegsherrn Ruf zu den Waffen am 13.3.1915, am 28.12.1918 kehrte er aus dem Feldzug in die Heimat zurück.“

 
 
erschienen in
Jahrbuch des Kreises Cochem-Zell 2015 und 2016
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Literaturnachweise:
Werner Stoffel: ,,Vor 100 Jahren: der Erste Weltkrieg beginnt, in Rhein-Hunsrück-Kalender, Heimatbuch 2014, S. 104
Aufzeichnung von Lehrerin Antonie Koch, Neef, im Protokollbuch der Gemeinde Neef
Diözesanarchiv Trier B III 10, 11,Bd. 3, Bd. 13
Mündliche Überlieferungen aus jener Zeit
 
Bildnachweise:
   
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