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Neef in den Kriegsjahren 1944 und 1945 von Franz Josef Blümling
Die Nähe der Ellerer Eisenbahnbrücke war für Neef recht verhängnisvoll. Die Alliierten wollten mit der Zerstörung der Brücke erreichen, dass die Deutsche Westfront nicht mehr mit Nachschub versorgt werden kann. So war sie ab dem Sommer 1944 immer häufiger das Ziel feindlicher Bombenangriffe. Dabei wurde Neef stark in Mitleidenschaft gezogen. Viele Bomben fielen nämlich auch auf den Ort und auf das nahe Umfeld. Ganz besonders litt unter den Bombardements das Unterdorf.

Der Anflug feindlicher Flieger wurde durch ein Sirenengeheul angekündigt, und die Leute flüchteten in größter Eile in den erstbesten Luftschutzkeller. Diese waren durch eine deutlich sichtbare Aufschrift „LSK“ erkennbar gemacht.

Da das Schulhaus keinen sicheren Schutz gegen Bomben bot, wurde die Schuljugend bei jedem Fliegeralarm sofort nach Hause entlassen. Im Sommer 1944 musste der Unterricht sehr häufig ausfallen. Von Monat zu Monat mehrten sich die Einflüge der Bomber. Sie erschienen oft zweimal am Tage und versetzten die Leute in größten Schrecken. Durch einen Erlass des Reichsunterrichtsministers wurde nun die Schule im September 1944 auf unbekannte Zeit geschlossen.

Im Winter 1944 / 45 erfolgte dann der Großangriff der feindlichen Flieger auf alle Eisenbahnverkehrsanlagen der hiesigen Gegend. Die Ellerer Brücke, bisher noch betriebsfähig geblieben, wurde nun verstärkt angegriffen. Sie blieb immer noch eingleisig befahrbar. Auf dem Ellerer Bahnhof stand ein Bauzug. Die Brücke sollte repariert werden. Als jedoch die Bullayer Bahnbrücke völlig zerstört wurde, war der gesamte Bahnverkehr unterbrochen. Der Bauzug fuhr zum Schutz in den Neefer Tunnel, und die Bauarbeiter ließen ihn dort verwahrlost stehen. Dies nahmen etliche Neefer dankbar zur Kenntnis und wohnten dort zeitweise. Andere Bürger hatten aus Angst vor den Bombardements im Bachtal Holzhütten gebaut, worin sie mit der ganzen Familien zeitweise verweilten. Auch in der Erzgrube suchten Bewohner Schutz.

Immer wieder wurde von der „Wunderwaffe“ gesprochen, die Hitler noch parat haben sollte und die letztlich zum Sieg führen würde. Damit war die spätere Atombombe gemeint, die allerdings noch nicht einsatzbereit war. Die Raketen, es waren die so genannten V1- und V2-Geschosse, gab es schon und erreichten England. Die Abschussbasen standen in unmittelbarer Nähe von uns in der Eifel. Eine fehlgeleitete V1 detonierte mitten auf dem Hochkessel. Er soll seither 2 m weniger hoch sein.

Die Fenster und Türen des Schulhauses wurden zum Teil zertrümmert. Die Macht des Luftdruckes wirkte sich im untersten Stock besonders stark aus. Hier waren sogar die Fensterrahmen aus dem Mauerwerk gerissen. Auch in unserer Kirche und in den Wohnhäusern des Dorfes gingen viele Fensterscheiben in Scherben. Die furchtbare Zerstörung begann gerade am Tage vor Christabend. Das Weihnachtsfest 1944 war daher für unser Dorf recht traurig.

Ich selbst kann mich, ich war 6 Jahr alt, noch gut daran erinnern, dass wir zum Heiligabend schöne Vorbereitungen zum Fest getroffen hatten. Vater, der im Westwall eingesetzt und auf Urlaub zu Hause war, meinte noch, dass der Feind mit Sicherheit am Heiligabend nicht bombardieren würde, die Alliierten seien doch schließlich auch Christen. So wohnten wir auch an diesem Tag nicht in der Hütte im Bachtal. Der Tannenbaum war so gut es ging geschmückt. Kerzen waren keine mehr da. Die Bescherung, die zwar nach heutiger Vorstellung sehr mager ausfiel, war gerade im Gange, als urplötzlich die Sirene heulte und wir in den Keller stürzten. Auf dem Weg über die Außentreppe dahin schlug schon die erste Bombe in ziemlicher Nähe ein. Auch die Nachbarsleute kamen in panischer Eile angelaufen, und wir erlebten auf Heiligabend einen furchtbaren Bombenangriff. Wir alle beteten im Keller, der einige Male von den Einschlägen richtig zitterte und bebte. Als der Angriff vorbei war, gingen wir wieder hoch. Der Schornstein unseres Hauses hatte das Dach der Terrasse durchschlagen. Die Fensterscheiben waren alle zersplittert. Der Tannenbaum lag quer in der Stube. Vater dichtete in aller Eile die Fenster mit Pappe ab, stellte den Tannenbaum wieder auf, nahm meine Schwester und mich auf den Schoß und sang mit uns mit feuchten Augen Weihnachtslieder. Diese Weihnacht werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

Durch die Fliegerangriffe wurde insgesamt ein Drittel unseres Ortes in ein Trümmerfeld verwandelt. 52 Häuser wurden völlig zerstört und viele schwer oder leichter beschädigt. Sehr bedauerlich ist es, dass dabei auch sechs Menschenleben zu beklagen waren. Die Toten wurden, da der Gang zum Friedhof mit Lebensgefahr verbunden war, an der Kirche beerdigt und nach Einstellung der Feindseligkeiten auf den Petersberg umgebettet.

Wir hatten einen alten Volksempfänger. Vater hörte immer „schwarz“ die Nachrichten, die ein englischer Sender brachte. Dies war streng verboten. Darauf stand sogar die Todesstrafe. Vater stellte ziemlich deutlich fest, dass der Krieg verloren war. Er war sowieso ein starker Hitler-Gegner und stand wegen seiner Einstellung sogar vor Gericht. Man hatte ihn angezeigt, weil er in unserem Kolonialwarenladen die Kunden nicht mit „Heil Hitler“ begrüßte und die Hitlerfahne nicht hisste, sagte auch öffentlich, dass Hitler verrückt und größenwahnsinnig sei und der Krieg nie und nimmer zu gewinnen wäre. Er wurde nicht verurteil – grüßte aber von nun an im Sinne der Zeit, hisste die Hitlerfahne und hielt sich mit seinen „staatsfeindlichen Äußerungen“ zurück. Vater hatte einen gnädigen und verständnisvollen Richter vorgefunden. Er stand übrigens mit seiner Meinung nicht alleine. Auch seine Gesinnungsfreunde hielten sich nach dem Gerichtsvorgang mit ihrer Meinung in der Öffentlichkeit zurück. Man wusste sehr wohl, dass es Konzentrationslager gab. Vater ahnte auch, was mit den Juden geschah.

Recht oft läutete die Totenglocke. Dann liefen die Leute auf die Straße. „Wer ist es?“ – fragte man aufgeregt. Schon wieder war ein Neefer Soldat an der Front gefallen. Schreckliche und ergreifende Szenen spielten sich ab. Insgesamt ließen 42 junge Neefer Männer im Krieg ihr Leben. 18 Soldaten waren vermisst und wurden später als tot erklärt.

Zu Anfang des Jahres 1945 traten tiefgreifende Änderungen in den Kriegsereignissen hier im Westen ein. Die Kampfhandlungen fanden nun auf deutschem Boden statt. Die Bevölkerung aus dem Frontgebiet war aus dem gefährlichen Gebiet evakuiert worden. Zahlreiche Flüchtlinge aus Trier waren von unseren Dorfbewohnern gastlich aufgenommen worden. Wochenlang hörte man das Schießen der Artillerie. Mit jedem Tage näherte sich der Feind. Viel zurückflutendes Militär passierte unseren Ort und war vorübergehend auch in den Schulräumen untergebracht. Das soldatische Treiben war unserer Schule gerade nicht dienlich. Viele Lehrmittel, Bücher, Listen und Akten gerieten dabei in Verlust. Tag und Nacht durchquerten deutsche Soldaten Neef und nahmen die Richtung Grenderich. Eines Tages sprengte eine Gruppe die von den Bomben noch nicht restlos zerstörte Ellerer Brücke und auch den Neefer Tunnel.

Aber damit ließ sich das Vordringen des Feindes nicht aufhalten. Anfang März lag unser Dorf bereits im Bereich der Kämpfe. Zur Verteidigung von Neef waren ungefähr 20 Soldaten zurückgelassen worden. Mit der wenigen Munition, die ihnen noch zur Verfügung stand, kämpften sie gegen die Übermacht der Amerikaner auf der linken Moselseite. Wie vorher vor den Bomben, suchte nun die Bevölkerung vor dem Beschuss der Artillerie und der Granatwerfer erneut Schutz in ihren Kellern. Unsere Soldaten verschanzten sich an verschiedenen Stellen nahe des Dorfes und auf dem Petersberg. Leider ließen bei diesen Kämpfen noch Soldaten ihr Leben. Glücklicherweise war die Zahl der Soldaten, die getötet wurden, nicht erheblich. Die Peterskapelle war stark mitgenommen. Aber der künstlerisch wertvolle Altar derselben war unversehrt geblieben.

Nach drei Tagen wurde der damalige Gemeindevorsteher von einem Unterhändler der Amerikaner aufgefordert, die weiße Fahne auf dem Kirchturm zu hissen, anderenfalls würde das Dorf vollständig zerstört. Unter dem Druck der vielfachen Übermacht zogen sich die meisten deutschen Soldaten, die noch hier waren, ins nahe Hunsrückdorf Grenderich zurück. Doch einige ganz fanatische Kämpfer wollten absolut nicht aufgeben. Sie glaubten tatsächlich immer noch an den Endsieg. Man redete diesen Unverbesserlichen zu, bis sie endlich nachgaben, verlangten aber Fahrräder zur schnellen Flucht durch das Bachtal in den Hunsrück. Dies geschah so, und auch Vater stellte ein Fahrrad zur Verfügung. Umgehend wurde die weiße Fahne gehisst und Neef wurde von den Amerikanern besetzt. Die toten deutschen Soldaten, die in den Kämpfen um unser Dorf ihr Leben gelassen hatten, fanden an unserer Kirche ihre letzte Ruhestätte. Die Toten wurden auf Karren herangebracht und lagen auf diesen fast wie Holzscheite – ein scheußliches Bild.

Amerikanische Kampftruppen zogen nun durch Neef, um die Verfolgung unseres Heeres auf dem Rückzug fortzusetzen. Ein Teil der feindlichen Nachhut besetzte viele Häuser des Oberdorfes und auch die Schule. Die Leute der beschlagnahmten Häuser mussten für einige Wochen ihre Wohnungen räumen. Sie wurden von den übrigen Dorfbewohnern beherbergt bis ihre Wohnungen wieder freigegeben waren. Die Schule glich in dieser Zeit einer Kaserne. Nach dem Abzug der Soldaten säuberte die Oberklasse unter Aufsicht der Lehrerin die drei Schulräume, die in Zukunft wieder friedlichen Zwecken dienen sollte.

Am achten Mai 1945 fand der langjährige, blutige Krieg sein Ende.

Ich weiß noch, wie die letzte übrig gebliebene Glocke läutete und zum Besuch in der Kirche aufrief. Die anderen Glocken waren schon lange von einem Spezialtrupp abgenommen und zu einem Hochofen gebracht worden. Aus dem gewonnenen Stahl wurden Panzer und sicherlich auch Bomben hergestellt. Meine Mutter und meine Großmutter nahmen mich an die Hand, und wir gingen in die Kirche. Dort war kein Fenster mehr ganz, und es sah insgesamt alles sehr chaotisch aus. Unser Pfarrer Rauber kam, sprach vor allen in der Kirche versammelten Leute rührende Worte. Wir dankten Gott, dass der scheußliche Krieg endlich vorbei war und dass wir noch lebten. Dann sangen wir voller Inbrunst „Großer Gott wir loben dich“, wobei viele Frauen weinten. Nun wollten wir die Zukunft mit Gottvertrauen angehen. Zum Schluss beteten wir noch für alle, die im Krieg umgekommen waren und baten bei Gott auch dafür, dass die Soldaten die in Kriegsgefangenschaft gekommen waren, gut behandelt werden um schon bald wieder in ihren Familien verweilen zu können.

Die Alliierten besetzten ganz Deutschland und teilten es in Besatzungszonen ein. Das Moselgebiet, also auch Neef, gehörte zur französischen Zone.

 
 
erschienen in
 
 
 
 
 
Aufmarsch der SA in Neef
 
 
Die zerstörte Brücke von Bullay
 
 
Das Kriegerdenkmal in Neef
 
 
Die zerstörte Ellerer Eisenbahnbrücke
 
 
 
 
Literaturnachweise:
  Bericht von der damaligen Lehrerin Frau John, in: Gemeindechronik von Neef; mündliche Überlieferungen von Alfons Kreuter, Neef; eigene Erlebnisse
Bildnachweise:
  Bilder von Rainer Pellenz, Bremm; Alfons Kreuter, Neef ; Franz Josef Blümling, Zell
im nächsten Kapitel: Die Zeit danach
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